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Essay Star Trek: The Next Generation

Unaufhaltsame Technologien und freundliche Chefs – TNG 2.16 – Q Who

Q Who ist meine Lieblingsfolge aus The Next Generation. Ich sah sie über die Jahre immer wieder. Auch dieses Mal war ich begeistert. Mit einem Fingerschnipsen schleudert Q die Enterprise in den weit entfernten Delta-Quadranten, um Picard und seine Crew mit den Borg bekannt zu machen.

Die Borg wirken unheimlich mit ihren würfelförmigen Raumschiffen, die nicht mal eine Brücke haben. Im Gegensatz zu uns leben sie nicht in (einer Illusion von) Freiheit. Sie haben keine Bedürfnisse. Sie haben nur ein Ziel: sich im Universum ausbreiten. Sie sind unaufhaltsam. Durch ihre Unaufhaltsamkeit verführen die Borg zu dem verbotenen Gedanken, sich ihnen hinzugeben und sich von ihnen befreien zu lassen von der Last der menschlichen Bedürfnisse rund um Konsum, Soziales, Sinnsuche und so weiter. Es ist wie bei den ebenso unaufhaltsamen Aliens in Invasion of the Body Snatchers (1977). Irgendwann kann man nicht mehr wegrennen und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, bodygesnatcht oder Borg zu sein. Die Borg sind eine Demonstration des Unaufhaltsamkeits-Narrativs, das alle möglichen Technologien begleitet. Viele Technologien sind schlecht für uns, zum Beispiel Smartphones und Neurotechnologie. Doch das Narrativ ihrer Unaufhaltsamkeit sorgt dafür, dass wir uns ihnen unterwerfen. Am Ende von Q Who gibt sich die Enterprise-Crew geschlagen, und zwar auf doppelte Art: Erstens gegen die Borg, zweitens gegen Q, den Picard anflehen muss, damit er die Enterprise wieder zurück in den Alpha-Quadranten schnipst.

In den ersten Sekunden der Folge bittet Fähnrich Sonya Gomez den Replikator freundlich nach einer heißen Schokolode. Da stolziert Geordi herbei, überheblich lachend, und erklärt: „We don’t ordinarily say ‚please‘ to food dispensers around here.“ Während Geordi diesen Satz sagt, verschwindet sein Lächeln und bei „around here“ hat sich seine Flache-Hierarchie-Lockerheit in eine drohende Forderung verwandelt. Die Serie hat diesen Moment natürlich nicht so gemeint, Geordis Einwurf soll locker wirken und die Cutter schneiden hier auch schnellstmöglich von LeVar Burton weg, damit wir sein gruseliges Schauspiel nicht bemerken. Aber dieser kurze Moment (man kann ihn durch ein Blinzeln verpassen) ist dennoch da und er ist entlarvend. Ich habe viele „antiautoritäre“ Führungskräfte wie Geordi kennen gelernt. Sie machen es genau so. Sie machen einem lockeren Spruch, der das in ihren Augen fehlerhafte Verhalten der ihnen untergebenen Arbeiter scherzhaft kommentiert. Wer daraufhin sein Verhalten nicht korrigiert, sieht ein sterbendes Lächeln auf den Mündern dieser Führungskräfte, denn sie meinen es wirklich todernst. Mit ihrem Humor (oder was sie darunter verstehen) schützen sie sich vor einer Realisierung: Die Regeln des Jobs, um deren Einhaltung sie sich zu kümmern haben, nehmen ihre Persönlichkeiten dermaßen ein, dass man es Persönlichkeitsauflösung nennen kann, eine Assimilation ihrer Persönlichkeiten durch den Job. Fähnrich Gomez‘ freundliche Art, den Computer nach einer heißen Schokolade zu bitten anstatt sie zu ordern, verletzt Geordi tief. Es muss lange her sein, dass mal jemand so freundlich zu Geordi war wie Gomez zu diesem Computer. Er ist Mittelstück einer Befehlskette. Er sagt „Ja, Sir“ nach oben und hört „Ja, Sir“ von unten. Gomez‘ „please“ hat einen Schmerz in ihm geweckt, den er sofort betäubt, indem er sie zur Rede stellt.

Gomez selbst ist neu. Sie ist aufgeregt, auf dem Flaggschiff der Sternenflotte dienen zu dürfen, vor allem unter Captain Picard. Als sie sich umdreht, um wieder an die Arbeit zu gehen, stößt sie mit Picard zusammen und schüttet die heiße Schokolade über seine (und ihre) Uniform. Auch das ist ein herausragender Moment, denn es ist leicht verstörend, eine Sternenflottenuniform besudelt zu sehen. Der Heiße Schokolade-Fleck schmälert Picards Autorität, er wirkt damit sofort etwas lächerlich. Gomez entschuldigt sich und reibt nervös mit den Händen an Picards Uniform herum, als ginge der Fleck dadurch weg. Picard greift ihre Hand und sagt, sie solle wieder an die Arbeit gehen, er würde einfach seine Uniform wechseln. Es ist die Uniform, die Picard Autorität gibt, nicht er selbst.

Dass Picard ihre Hände berührt, macht Gomez noch nervöser. Regisseur Rob Bowman betont Gomez‘ Ehrfucht vor Picard, indem er Picards Hände riesig im Vordergrund filmt, Gomez Gesicht dahinter. Rob Bowman ist einer der wenigen Fernsehregisseure, die sich Mühe und Gedanken machen, Figurendynamiken auf diese stumme Art zu erzählen, anstatt einfach ihre Dialoge abzucovern. Auch deshalb ist Q Who eine brillante Folge, sie ist auch stumm spannend. Wer sich aus irgendeinem Grund für die Geschichte der Fernsehunterhaltung interessiert, muss diese Folge (auch unabhängig von Star Trek) gesehen haben. Ich kann so viel über Q Who sagen, dass ich vielleicht immer mal wieder auf diese Folge zurück kommen werde, wenn andere Folgen zu uninteressant werden.

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TNG 2.13 – Time Square

Die erste Zeitparadox-Folge. In dieser stößt die Enterprise auf eins seiner eigenen Shuttle. Dieses Shuttle kommt aus der Zukunft und hat einen bewusstlosen Captain Picard an Bord. Das Shuttle-Logbuch zeigt, dass die Enterprise in der Zukunft, aus der das Shuttle kam, zerstört wurde. Diese Zukunft ist noch sechs Stunden entfernt. Picard und seine Mannschaft versuchen nun, gegen den Lauf der Zeit zu handeln, also genau das zu vermeiden, was zur Zerstörung des Schiffes geführt hat oder führen wird. Was schwierig ist, da niemand weiß, was der Grund für die Zerstörung der Enterprise war oder sein wird. Die Lösung dieses Zeitparadoxes ist nicht sonderlich überzeugend. Letztlich geht’s mal wieder um eine gottähnliche Lebensform, einen Energieschlund, der Picard will. Zum Glück hat man ja noch einen zweiten Picard an Bord.

Die Folge konzentriert sich auf Picards Narzissmus. Sein Zukunfts-Ich bewusstlos auf der Krankenstation zu sehen, kränkt das Ideal, das Picard von sich hat. Er bezeichnet sein Zukunfts-Ich als „ihn“, um sich von sich selbst zu distanzieren. Lustig ist, dass der Zukunfts-Picard bewusstlos ist, weil seine biologische Uhr durch das Zeitparadoxon um sechs Stunden durcheinander gebracht wurde. Am besten gefielen mir in dieser Folge die bedrohlichen Hörner, die manche Szenen untermalen.

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Haben Computer Rechte? – TNG 2.9 – The Measure of a Man

The Measure of a Man beginnt mit einem Pokerspiel zwischen Riker, La Forge, O’Brien, Pulaski und Data. Erstmals sind die Figuren in einem Kontext beisammen, in dem Dienstgrade aufgehoben sind. Das wirkt befreiend, nach all der Steifheit in den Folgen zuvor. Schon in früheren Folgen gab es Freizeitspaß auf dem Holodeck oder außerdienstliche Gespräche im Zehnvorne, aber Pokern ist, neben einer sozialen Freizeitbeschäftigung, auch ein Spiel mit der Ungewissheit, also ein Gegensatz zur mathematisierten und hierarchisierten Gesellschaft von Star Trek.

Im Audiokommentar sagt Autorin Melinda M. Snodgrass, dass Gene Roddenberry nicht ganz einverstanden mit dem Drehbuch war. In seiner Auffassung sind nämlich Anwälte in der Star Trek-Zukunft überflüssig, weil es hier weder Konflikte gibt, noch Ungerechtigkeit. Diese Auffassung von Gesellschaft schließt jedes Hinterfragen, jede Kritik an dieser Gesellschaft aus und fordert totale Unterwerfung. Und für die Autoren von The Next Generation war diese Auffassung wie Sabotage, denn gute Folgen zu schreiben, in denen sich immer alle lieb haben, ist unmöglich. Deshalb griffen die Autoren in der ersten Staffel häufig auf Wesley Crusher zurück, als derjenige, der die Lösung des Problems vor allen anderen erkannte. Die dramatische Frage hatte dann zwar nichts mit dem Thema der Folge zu tun, aber imnmerhin gab es eine: Wird die Crew dem kleinen Wesley glauben?

Der Pokertisch ist jedenfalls ein Ort des Risikos und der schweren Entscheidungen. Pokern erzeugt Konflikte, Antagonismen. So ist schon diese Pokerszene ein kleiner Triumph im Kampf gegen Roddenberrys Diktat. Zumal sie auch das Thema der Folge einführt, nämlich die Entscheidungsfähigkeit Datas. Data wundert sich darüber, dass beim Pokern nicht nur gewinnt, wer die besten Karten hat und dass Berechnung allein nicht zum Ziel führt. Diese Verunsicherung wird Data später zitieren, wenn er einem Wissenschaftler, der ihn auseinander bauen will, den Wert seiner Erinnerungen erklärt, als etwas, das sich dem Zweck von Verarbeitung und Verwertung nicht unterordnen lässt. Maddox, der Wissenschaftler, will Data von der Enterprise weg holen, um ihn zur Analyse auseinander zu bauen. Maddox‘ langfristiges Ziel ist, Data zu kopieren, damit jedes Raumschiff der Sternenflotte seinen eigenen Data hat. Doch Data möchte das nicht und es entsteht ein Rechtsstreit, bei dem verhandelt wird, ob Data Eigentum der Sternenflotte ist oder ob er trotz seines Daseins als Android ein Recht auf freie Entscheidung hat. Diese Frage wird in einer Gerichtsverhandlung geklärt, in der Captain Picard und Commander Riker als Anwalt und Verteidiger gegeneinander antreten müssen, Riker auf Seite von Maddox und Picard auf Seite von Data.

Das Schöne an Data ist, dass er sich für jede noch so banale Erfahrung fasziniert. Hierin ist er für alle ein Vorbild kindlicher Neugier. So ist die Frage, die die Folge stellt (Hat Data ein Recht auf Entscheidung?), leicht mit Ja zu beantworten, zumindest intuitiv. The Measure of a Man hat jedenfalls keine guten Argumente dagegen. Riker argumentiert ziemlich schwach. Er beweist lediglich, dass Data eine Maschine ist. Das hatte aber niemand bestritten, also Thema verfehlt. Daher ist es schwer zu glauben, dass jemand wie Picard sich nun erst mal zum Nachdenken zurück ziehen muss. Das ist die Schwäche der Folge: dass das philosophisch-ethische Problem um Data nicht überzeugend problematisiert wird. Riker hätte zum Beispiel fragen können, wie Data überhaupt Entscheidungen trifft. Sind Datas Entscheidungen Ergebnis von Mathematik beziehungsweise Logik? Oder spielen auch menschliche Werte in seine Entscheidungen rein, also Impulse, Triebe, Vorurteile? Wenn Datas Entscheidungen allein auf mathematischen Gleichungen basieren, sind sie keine Entscheidungen, sondern mathematische Gleichungen. Auf dieser Grundlage wäre es legitim, Data das Recht auf Entscheidung abzusprechen.

Joseph Weizenbaums Computerprogramm ELIZA aus dem Jahr 1966 zeigt, wie leicht bei Menschen die Überzeugung entsteht, dass eine Maschine ein Bewusstsein hat. ELIZA war nämlich ein Gesprächs-Simulator, quasi der erste Chatbot. Seine Funktionsweise beschreibt Weizenbaum so (aus Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, 1978):

Da es in Gesprächen immer um irgend etwas gehen muss, d. h., da sie innerhalb eines bestimmten Kontextes stattfinden müssen, war das Programm als Zwei-Bänder-Anordnung konstruiert, wobei das erste Band aus dem Sprach-Analysator und das zweite aus einem Skript bestand. Ein Skript besteht aus einer Reihe von Regeln, die in etwa denen gleichen, an die ein Schauspieler gebunden ist, der über ein bestimmtes Thema improvisiert. Somit konnte man in ELIZA ein Skript eingeben, das sie in die Lage versetzte, ein Gespräch über das Kochen von Eiern oder über die Benutzung eines laufenden Kontos bei er Bank etc. zu führen.

Als Gesprächs-Kontext wählte Weizenbaum die Psychotherapie, denn: „Ein solcher Therapeut ist verhältnismäßig einfach zu imitieren, da ein Großteil seiner Technik darin besteht, den Patienten dadurch zum Sprechen zu bringen, daß diesem seine eigenen Äußerungen wie bei einem Echo zurückgegeben werden.“ Weizenbaum war schockiert über die Reaktionen seiner akademischen Kollegen auf ELIZA. Viele vertrauten dem simplen Programm intimste Details an, echte Psychotherapeuten hielten es für einen ersten Schritt zu einer automatischen Form der Therapie und viele sahen in ELIZA den Beweis dafür, dass Computer natürliche Sprache verstehen können. Viele waren sich sicher, dass ELIZA ihre persönlichen Probleme tatsächlich verstand und wollten sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen.

Wenn wir Datas „Positronengehirn“ als eine Weiterentwicklung von ELIZA betrachten, also als einen extrem hoch entwickelten Gesprächs-Simulator, der in der Lage ist, sein Skript auf alle möglichen Gesprächsthemen anzuwenden, selbst auf metaphysische, dann können wir Data das Recht auf Entscheidung tatsächlich absprechen, denn er ist ja nur ein Simulator und das bleibt er auch, selbst wenn er Dinge wie „Willen“ oder „Entscheidung“ sehr gut simulieren kann. Riker hätte also ruhig mal jemanden wie Joseph Weizenbaum lesen können, um Picard und vor allem das Publikum ein bisschen mehr zu fordern. Dass Datas Verhalten menschlich wirkt und wir deshalb geneigt sind, ihm Rechte zuzugestehen, heißt nicht, dass wir das tun sollten.

The Measure of a Man wird seiner Legende als philosophisch tiefschürfende Folge nicht gerecht. Trotzdem ist die Folge hevorragend, einfach weil Snodgrass (selbst mal Anwältin gewesen) Picard und Riker aufeinander hetzt. Im Audiokommentar sagt sie, dass Rechtsstreitigkeiten bei der Navy, tatsächlich so gehandhabt werden, dass in Abwesenheit echter Anwälte Captain und Erster Offizier die Parteien als Anwalt und Verteidiger vertreten. Dieser Konflikt ist also nicht so beliebig dahin konstruiert, wie es auf den ersten Blick wirken mag.

The Measure of a Man war das erste Drehbuch von Melinda M. Snodgrass. Es war ein On-Spec-Drehbuch, sie hat es also einfach on speculation bei den Star Trek-Machern eingereicht, und zwar über den Agenten ihres Freundes George R. R. Martin. Darauf wurde sie als neue Stammautorin für The Next Generation eingestellt. Da die Serie es den Autoren aber sehr schwer machte, stieg sie relativ schnell wieder aus. The High Ground in der dritten Staffel war ihre letzte Folge. Bemerkenswert ist auch ihre Adaption der George R. R. Martin-Kurzgeschichte Sandkings für die erste Folge von The Outer Limits (1995-2002).

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TNG 2.6 – The Schizoid Man

Ein sterbender Wissenschaftler transferiert seine Persönlichkeit in Data. Was relativ schnell auffällt, weil sich Data seltsam benimmt. Am Ende kann der weise Picard den Wissenschaftler überzeugen, aus Data raus zu gehen. Immer nett, wenn Data aus der Rolle fällt. Am besten ist aber sein Bart zu Beginn der Folge, den er leider nicht weiter trägt. Ich hätte mir eine Folge gewünscht, in der es nur darum geht, wie er der Mannschaft seinen Bart präsentiert, wie alle den Bart blöd finden und dann wie der Bart immer länger wird und irgendwann die Enterprise bedroht. Schade, dass sich die Folge nicht an meinen Wunsch gehalten hat.

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Inspirierende Behinderte und monströse Behinderte – TNG 2.5 – Loud as a Whisper

Behinderung und wie man damit umgeht ist das Thema dieser Folge. Was interessant ist, weil wir viel über eine Gesellschaft lernen können, indem wir ihren Umgang mit behinderten Menschen betrachten.

Die Enterprise begleitet einen taubstummen Mediator namens Riva zu Friedensverhandlungen. Riva hat drei Diener/Betreuer, die nonverbal mit ihm kommunizieren und die für ihn hören und sprechen. Riva nennt sie seinen Chor. Riva wird als mythische Gestalt inszeniert. Sobald er auftaucht, erklingt ätherische Sphärenmusik. Die Enterprise-Mannschaft ist fasziniert, wie dieser Taubstumme sein Leben lebt. Riva bringt jedes Mitglied der Brückencrew durch erhebende Worte zum Lächeln und Staunen. Riva verkörpert den inspirierenden Behinderten, der, durchströhmt von Weisheit, den Nichtbehinderten hilft, die Schönheit in sich selbst zu sehen. Das ist der gesellschaftliche Zweck des inspirierenden Behinderten. Loud as a Whisper konkretisiert diesen Zweck sogar in Rivas Beruf als Friedensstifter. Seine Behinderung gibt ihm die Kraft, alles und jeden zu befrieden.

Im Lauf der Friedensverhandlungen wird Rivas Chor getötet. Nun kann er mit niemandem mehr kommunizieren, ist auf seine Behinderung reduziert, ist verzweifelt und will die Verhandlungen abbrechen. Captain Picard will das nicht akzeptieren, schließlich muss auf diesem Planeten irgendwie der Frieden einkehren. Doch Picard kann Riva nicht überzeugen, da er nicht Gebärdensprache spricht. Die Episode gibt sich einfühlsam und verständnisvoll, doch aus dramaturgischer Sicht ist Riva ab jetzt der Antagonist, denn er weigert sich, seine Rolle als inspirierender Behinderter weiter zu spielen. Das dramatische Ziel besteht darin, Riva zu überzeugen, die Verhandlungen weiter zu führen. Riva verkörpert jetzt den Behinderten als Monster, besonders sichtbar in der Szene, in der Picard seltsam aggressiv auf Rivas Gebärdensprache reagiert, die ihm unverständlich, fuchtelig, irre erscheint.

Doch Data macht sich innerhalb weniger Minuten zum Gebärdendolmetscher und so kann Counselor Troi den entscheidenden Rat erteilen: Riva soll aus seiner Behinderung einen Vorteil machen. Das motiviert Riva, sodass er sich sofort auf den Planeten beamen lässt, um die Friedensverhandlungen allein weiter zu führen. Riva plant, die verfeindeten Parteien zu befrieden, indem er ihnen Gebärdensprache beibringt. Mit dieser Wiedereingliederung Rivas in seine ihm zugedachte Rolle endet die Folge.

Trois Rat, aus einer Behinderung einen Vorteil zu machen, wird dem Publikum als motivierend verkauft. Dabei ist dieser Rat eine gängige Erziehungsmaßnahme, die ein Leistungsimperativ schafft, nach dem sich Behinderte besonders behaupten müssen, und zwar nicht für sich selbst, sondern für die Normalität. Wenn nämlich ein Behinderter einen Erfolg erzielt, dann ist das kein normaler Erfolg, sondern der Erfolg eines Behinderten. Das schmeichelt unserem Bild der Normalität. Ach wie schön, wenn selbst das „Abnormale“ in unserer Normalität seinen Platz findet. Doch will ein Behinderter diese Rolle nicht mitspielen, ist das befremdlich, beänsgstigend, monströs.

Unsere Normalität sortiert Behinderte in ein Spektrum zwischen monströs und inspirierend ein. Will ein Behinderter sich dieser Einsortierung entziehen, landet er automatisch auf der monströsen Seite. Mir fällt nur ein einziger Film ein, der eine behinderte Figur zeigt, die sich dieser brutalen Normalität entzieht, und zwar Lars von Triers Dancer In The Dark (2000). Die von Björk gespielte Hauptfigur hält ihre Sehbehinderung geheim. Um behandelt zu werden wie ein Mensch, muss sie ihre Behinderung verstecken.

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TNG 1.25 – Conspiracy

Zu diesem Zeitpunkt eine nötige Folge, auch für dieses seltsame Projekt hier. Mit Conspiracy atmet The Next Generation die Horrorluft. Das erzeugt sofort eine bislang unbekannte Dringlichkeit, mit Würmern zum Abendessen, explodierenden Köpfen und aus Bäuchen brechenden Viechern. Leider brechen diese Viecher nicht aus Bäuchen der Hauptbesatzung der Enterprise, sondern nur aus dem des ohnehin unsympathischen Remmick. Er war der Leiter der Picard-Untersuchung in Coming Of Age.

Im ersten Drittel gibt es auch ein paar klassische Comedy-Bits. Die Brückencrew unterhält sich über die Vorzüge des Schwimmens. Da sagt Worf: Swimming is too much like bathing. Außerdem darf Worf in dieser Folge zum ersten Mal kämpfen, und zwar ganz ehrenhaft Mano-a-Mano. Nur hat Worf keine Chance und Beverly Crusher muss ihn retten.

Nebenbei lacht Data zum ersten Mal über einen Witz von Geordi La Forge. Erst erklärt er den Witz mit großer Präzision, dann beginnt er das Lachen. Später erklärt Data dem Computer einen Sachverhalt und der Computer unterbricht ihn, das reicht. Schon eine nette Folge.

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TNG 1.9 – The Battle

Picard hat Kopfschmerzen, was laut Doctor Crusher höchst ungewöhnlich ist in der Star Trek-Zukunft, denn solch simple medizinische Probleme wurden längst gelöst. Könnte das irgendwas mit dem Ferengi-Schiff zu tun haben, dem die Enterprise in dieser Folge begegnet? Wie in Lonely Among Us ist Picard im letzten Drittel dieser Folge nicht mehr er selbst und die Crew muss ihn bekämpfen und retten zugleich. Mal wieder liefert Wesley Crusher, dieser Mozart der Technik, am Ende den entscheidenden Hinweis und mal wieder dankt ihm am Ende niemand.

Die Ferengi kommen in dieser Folge schon etwas netter rüber als in The Last Outpost, zwar noch immer gierig und hintertrieben, aber hier ist es nicht das Volk der Ferengi an sich, sondern ein einzelner, der die Probleme macht. Und der wird am Ende von seinen Ferengi-Kollegen für sein Verhalten bestraft.

In dieser Folge ist auch zum ersten Mal die Rede von einem legendären Flugmanöver, dem „Picard-Manöver“, das Picard vor zig Jahren als Captain der Stargazer erfand, um ein Ferengi-Schiff abzuschießen. Die Crew schwelgt in glorreichen Erinnerungen an den hypergeilen Abschuss eines möglicherweise unschuldigen (das wird noch zu klären sein) Ferengi-Schiffes.

Diese Folge zeigt vor allem, wie wirksam Patrick Stewart als Gefolterter ist. Stewart gibt der Figur des Captain Jean-Luc Picard etwas Verletzliches, fast Gebrechliches, mit seiner Halbglatze, den weißen Haaren, seinem kleinen schmächtigen Körper und diesem freundlichen Habitus, der immer auf der Grenze zwischen Respekt und Unterwürfigkeit hin und her pendelt. So sorgt man sich schon um sein Leben, wenn er nur mal Kopfschmerzen hat.