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The Other Side Of The Wind (2018)

The Other Side Of The Wind stellt zwei Stile einander gegenüber: Den Vérité-Stil, bei dem Dialoge scheinbar improvisiert werden, rau und dokumentarisch gefilmt, ohne Orientierung in den Charakterdynamiken. Und den betont künstlerischen Stil des alten Regissuers Jake Hannaford, gespielt von John Huston, der eine Investoren-Party schmeißt, um seinen neuesten unvollendeten Film vorzuführen und im besten Fall Geld für dessen Vollendung zu bekommen. Dieser Film im Film um Oja Kodar, die allein und nackt durch urbane Kulissen wandert, wirkt durch seine Rätselhaftigkeit und psychoanalytische Symbolik wie eine Parodie auf selbstwichtiges Kunstkino. Aber Welles hat diese Szenen mit großem Ernst gedreht und einige hypnotische Sequenzen hinbekommen (Höhepunkt ist eine klaustrophobische Sexszene im Auto). Hinter der Maske Jake Hannaford nimmt er sich die Freiheit, an sein eigenes Künstlertum zu glauben und sich zugleich vom Zwang der Vermarktbarkeit von Filmen zu lösen.

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The Social Dilemma lügt

The Social Dilemma ist ein Dokumentarfilm, der vorgibt, über die Gefahren von Sozialen Medien aufzuklären. Tatsächlich klärt der Film wenig auf. Er vereinfacht, verfälscht und lügt, um die Tech-Branche als einzigen möglichen Retter vor einer düsteren Zukunft darzustellen. So untergräbt der Film unser Mitspracherecht und unsere Kritikfähigkeit an den Technologien der Tech-Branche. Kritik soll entweder aus der Tech-Branche kommen oder konstruktiv sein, also systemfreundlich.

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I’m Thinking Of Ending Things (2020)

In einer Zeit, als der neue Film von Super-Regisseur XY noch nicht standardmäßig auf einer Streaming-Plattform mülldeponiert wurde, sondern im Kino lief, wäre ein neuer quengeliger Charlie Kaufman-Film das zentrale Gesprächsthema in geisteswissenschaftlichen Lesekreisen gewesen. Diese Zeit ist aber um und so greift der Film in seinem verbitterten Kampf gegen die Kunstfeindlichkeit von Netflix zu pompösen Mitteln. Mit dem quadratischen 1,33:1-Format rebelliert er gegen die Widescreen-Monitore des Publikums und das Sound-Design ballert Schneeflocken wie Kanonenkugeln gegen die Windschutzscheibe, damit sich alle ärgern, die den Film mit der Soundausgabe ihres Laptops schauen. Im Glauben, das Publikum damit zu ungeteilter Aufmerksamkeit zu verführen, greift der Film außerdem tief in eine Wundertüte verwirrender Süßigkeiten: überlappende Dialoge, abgebrochene Voice-Over-Monologe, abrupte Schnitte, Positionswechsel, Identitätswechsel, Genrewechsel, Zeitsprünge, Alternativ-Gegenwarten, Alternativ-Schauspieler und zahlreiche Referenzen an Autoren, Bücher, Filme und Brandaktuelles.