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The Other Side Of The Wind (2018)

The Other Side Of The Wind stellt zwei Stile einander gegenüber: Den Vérité-Stil, bei dem Dialoge scheinbar improvisiert werden, rau und dokumentarisch gefilmt, ohne Orientierung in den Charakterdynamiken. Und den betont künstlerischen Stil des alten Regissuers Jake Hannaford, gespielt von John Huston, der eine Investoren-Party schmeißt, um seinen neuesten unvollendeten Film vorzuführen und im besten Fall Geld für dessen Vollendung zu bekommen. Dieser Film im Film um Oja Kodar, die allein und nackt durch urbane Kulissen wandert, wirkt durch seine Rätselhaftigkeit und psychoanalytische Symbolik wie eine Parodie auf selbstwichtiges Kunstkino. Aber Welles hat diese Szenen mit großem Ernst gedreht und einige hypnotische Sequenzen hinbekommen (Höhepunkt ist eine klaustrophobische Sexszene im Auto). Hinter der Maske Jake Hannaford nimmt er sich die Freiheit, an sein eigenes Künstlertum zu glauben und sich zugleich vom Zwang der Vermarktbarkeit von Filmen zu lösen.

Jeder Film kostet Geld und muss deshalb irgendeinen Markt und irgendwelche Geldgeber befriedigen. Dazu kommen irgendwelche Stars, die an ihrem Öffentlichkeitsbild feilen und irgendwelche Manager, die aus Angst um ihren Job irgendwelche „Ideen“ kriegen, und viele, viele andere Parteien, die sich erbitterte Stellungskriege liefern. Das ist überall dort so, wo an der Entscheidung, ob ein Film grünes Licht bekommt oder nicht, viele Manager beteiligt sind. Diese Manager sind Executive Producer, Marketinganalysten, PR-Experten, Studioanwälte und so weiter. Leute, die weder Ahnung von Filmen haben, noch überhaupt wissen, wozu sie eingestellt wurden. Um die extrem gut bezahlte Präsenz dieser Menschen zu rechtfertigen, werden Meetings einberufen, die im besten Fall Geldverschwendung sind. Meistens wirken sie aber schädlich auf den Film, weil sich die Anwesenden dazu genötigt sehen, mit einem „Ergebnis“ aus dem Meeting zu gehen, das dann beispielsweise so aussieht, dass neue Drehbuchautoren für sinnlose Überarbeitungen angeheuert werden, oder dass ein Termin für eine neues Meeting vereinbart wird, damit bis dahin jeder noch mal „in sich gehen“ und „brainstormen“ kann. Mit den Gehältern dieser Manager wird viel Geld verbrannt. Mit diesem Geld hätten viele Filme gedreht werden können. Es gibt natürlich Ausnahmen im amerikanischen Kino, siehe das alte Studiosystem, oder Cannon Films, oder Roger Corman (der Bürokratie hasst), oder wenn ein mächtiger Regisseur diesen Wahnsinn einfach übergeht (zum Beispiel Eastwood oder Lumet). Aber dieser Wahnsinn ist die Norm (auch außerhalb der Filmbranche). Drehbuchautor William Goldman hat das in seinem Klassiker Adventures In The Screen Trade (1983) genau beschrieben.

The Other Side of the Wind entstand außerhalb dieses Wahnsinns, ist aber Ausdruck eines erbitterten Kampfes dagegen. Dieser Kampf zeigt sich im ständigen Wechsel des Bildformats, der Körnigkeit und der Farbigkeit, oder darin, dass Oja Kodar in einer Szene von einem Shot zum nächsten sichtbar um Jahre altert. Welles musste über Jahre hinweg mit verschiedenen Kameras und Filmmaterial drehen, abhängig davon, was gerade verfügbar war und wie viel Geld er gerade hatte. Es gab kaum Crew oder Equipment. Kamerafahrten wurden gemacht, indem sich Kameramann Gary Graver an den Füßen über den Boden schleifen ließ. Im Schnitt versucht Welles gar nicht erst, die vielen so entstandenen Sprünge und Brüche zu kaschieren, um den Krampf, diesen Film zu drehen, spürbar zu machen. Er kontert den Wahnsinn der Filmindustrie mit einer eigenen Art von Wahnsinn. Allerdings weiß niemand, ob er den Film in dieser Form wirklich veröffentlicht hätte. Der Film ist, wie fast all seine Filme, eine Glaubensfrage. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er die Musik von Michel Legrand so aufdringlich eingesetzt hätte. Das Happy End dieses legendären Films ist schließlich, dass Netflix (ein film- und publikumsfeindlicher Konzern) ihn nutzte, um sich als Retter der Kunst aufzuspielen.

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The Social Dilemma lügt

The Social Dilemma ist ein Dokumentarfilm, der vorgibt, über die Gefahren von Sozialen Medien aufzuklären. Tatsächlich klärt der Film wenig auf. Er vereinfacht, verfälscht und lügt, um die Tech-Branche als einzigen möglichen Retter vor einer düsteren Zukunft darzustellen. So untergräbt der Film unser Mitspracherecht und unsere Kritikfähigkeit an den Technologien der Tech-Branche. Kritik soll entweder aus der Tech-Branche selbst kommen oder konstruktiv sein, also systemfreundlich.

1. Böse Technologie und liebe Entwickler

The Social Dilemma besteht aus Interviews. In diesen erklären ehemalige Mitarbeiter von Tech-Konzernen die Sucht-Algorithmen der Sozialen Medien. Wie sie funktionieren, wie sie Profit schaffen und dass sie depressiv, suizidal und politisch radikal machen. Der Film illustriert das in Spielfilmszenen über eine Familie, die beim Abendessen nicht mehr miteinander spricht, weil alle am Smartphone kleben. Außerdem politisiert sich der Sohn, weil er Videos einer fiktiven politischen Bewegung schaut. Die Sucht-Algorithmen sind dargestellt durch drei Männer auf einer Science-Fiction-Kommandobrücke. Sie spielen dem Teenager ständig neuen politisch radikalen Content in die Timeline, weil dieser Content das größte Suchtpotenzial birgt.

Auf den ersten Blick folgt der Film dem Konzept von Erklärung und Illustration. Doch zugleich installiert er drei dramaturgische Werkzeuge: (1) Einen Helden. (2) Einen Bösewicht. (3) Eine Sache, die auf dem Spiel steht.

Auf dem Spiel steht: die Menschheit, also wir selbst. Denn laut Film wird Social Media uns in Bürgerkriege und Feuerstürme stürzen. Davor retten wird uns der Held: eine Mannschaft von Tech-Insidern, die ab jetzt „menschenwürdige“ Technologien entwickelt. Und der Bösewicht: eine außer Kontrolle geratene Technologie.

Diese dramaturgische Konstellation vereinfacht und verfälscht. Sie führt politische Radikalisierung allein auf Soziale Medien zurück, ohne über Themen wie soziale Ungleichheit zu sprechen. Auch spricht der Film über Soziale Medien, aber er spricht nicht über Computer und Smartphones und über die zu ihrer Herstellung nötige Ausbeutung von Billigarbeitern und Umwelt, die Grundlage für die digitale Infrastruktur ist, in der wir heute zwangsweise leben. Auch meidet der Film Themen wie Wissens-Ungleichgewicht, die Abschaffung des freien Willens oder die totale Überwachung unserer öffentlichen und privaten Räume durch Software wie Pokémon Go und alle möglichen Smartgeräte. Ich könnte viel mehr aufzählen, aber der Punkt ist klar: Beim kritischen Blick auf Soziale Medien ergeben sich viele unbequeme Fragen. Diese Fragen scheut der Film völlig.

Mit viel gutem Willen könnte man hier noch ein unschuldiges Versäumnis sehen. Aber tatsächlich schlägt sich der Film auf die Seite der Tech-Branche, indem er ihre wichtigsten Lügen propagiert, und zwar die der außer Kontrolle geratenen Social-Media-Technologien. Diese Technologien sind nämlich gar nicht außer Kontrolle geraten. Sie funktionieren genau, wie ihre Entwickler es wollten.

Justin Rosenstein: traurige Klavier-Akkorde für traurige Tech-Insider

Eben diese Entwickler geben dem Film eine Stimme. Früher arbeiteten sie bei Google, Facebook und anderen. Jetzt behaupten sie, Soziale Medien hätten ein Eigenleben angenommen, das niemand hätte vorhersehen können. Es spricht zum Beispiel Justin Rosenstein, ein ehemaliger Chefentwickler von Facebook. Er sagt, Facebooks Like-Button wurde ursprünglich entwickelt, um der Menschheit „joy“ zu bringen. In Wahrheit entwickelte Facebook den Like-Button nicht als menschenfreundliche Geste, sondern als übergriffiges Werkzeug mit dem Zweck, intimste Daten aus Facebook-Usern zu extrahieren, Facebook-User süchtig nach Likes zu machen, Verhaltens-Experimente mit Facebook-Usern durchzuführen und Menschen zu tracken, die gar keinen Facebook-Account haben.

Die Macher dieser Dokumentation wissen das. Eine Interviewpartnerin ist Shoshana Zuboff, die Autorin von Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (2018). In diesem Buch belegt Zuboff die menschenfeindlichen Missbrauchspraktiken von Google, Facebook, Microsoft und anderen durch Patentschreiben, interne Mails und Zitate. Doch darauf geht der Film nicht ein. Stattdessen bleibt er beim Märchen der außer Kontrolle geratenen Technologie. Dieses Märchen hat drei Effekte: (1) Es spricht die Tech-Konzerne von ihren Verbrechen frei. (2) Es ordnet die Gefahren der Sozialen Medien falsch ein, weil es die Absichten hinter den Sozialen Medien ignoriert. (3) Es etabliert uns als hilflose Opfer dieser Technologien, deren einzige Rettung wieder neue Technologien sind.

2. Das Center for Humane Technology

Einen dieser Retter stellt uns The Social Dilemma genauer vor: Tristan Harris. Tristan Harris bekommt mit Abstand am meisten Sprechzeit. Er ist der Gründer des Center for Humane Technology (CHT), das The Social Dilemma neunzig Minuten lang bewirbt.

Tristan Harris: Traum-Schwiegersohn

Das CHT ist eine 2018 gegründete Nonprofit-Organisation. Sie vereint Insider aus der Tech-Branche, die uns mit einer „radikal neu gedachten Technologie“ vor den Gefahren der Sozialen Medien retten wollen.

Das CHT beschreibt die Gefahren der Sozialen Medien vereinfacht so: Soziale Medien machen süchtig nach Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeits-Sucht führt zu radikalen Posts. Radikale Posts führen zu Radikalisierung. Radikalisierung führt zu Zerstörung von Demokratie und Gesellschaft.

Das CHT schlägt nun folgende Lösung vor: Design-Konzepte, die eine Schnittstelle schaffen zwischen Technologie, menschlicher Natur und systemischer Veränderung. Das wirkt irgendwie schwammig, oder? Irgendwie unverständlich. Zum Glück schenkt uns die Webseite eine Grafik mit drei sich überschneidenden Kreisen und in der Mitte, wo sich die drei Kreise überschneiden, da erblüht sie, diese wunderbare neue Schnittstelle, die Rettung der Menschheit.

https://www.humanetech.com/what-we-do

Technologie, menschliche Natur und systemische Veränderung. Drei nichtssagende Begriffe, die trotzdem eine Bedeutung haben.
„Technologie“ = „Tech-Konzerne“
„Menschliche Natur“ = „Konsument“
„SystemischVeränderung“ = „Politiker und Investoren“
Die Schnittstelle in der Mitte (CHT) ist der Gewinn, den die Tech-Konzerne durch die Nutzung von „humane technology“ zu erwarten haben.

Jetzt sehen wir, worum es dem CHT wirklich geht: Die Tech-Branche hat ein Image-Problem. In der öffentlichen Diskussion gelten die großen Tech-Konzerne mittlerweile als Überwachungsmaschinen und Monopole, deren Macht geschwächt werden sollte und die vielleicht sogar verboten gehören. Das gefällt den Tech-Konzernen nicht. Denn wenn die Konsumenten anfangen, sich die Tech-Konzerne lieber auf Abstand zu halten, entfernen sich auch die Politiker und Investoren. Und je weiter sich die drei Kreise voneinander entfernen, desto mehr schrumpft der Gewinn.

Das muss verhindert werden. Dazu berät nun das CHT die Tech-Konzerne in der Herstellung von „humane technology“. Jetzt können die Tech-Konzerne sagen, dass sie „humane technology“ benutzen, ohne wirklich etwas an ihren Praktiken zu ändern. Das ist, wie einen Kackehaufen mit Parfüm zu besprühen und zu versprechen, dass ab jetzt niemand mehr rein tritt. Klingt blöd, funktioniert aber, denn beim Anblick von Kreisen und Schnittstellen fällt vielen das Hirn aus.

3. Der Wald

Wir können The Social Dilemma und das CHT als Beispiele für eine argumentative Strategie namens Prokatalepsis sehen. Die Prokatalepsis nimmt einen kritischen Einwand vorweg, um diesen präventiv zu schwächen und den nun folgenden Diskurs zu bestimmen. Hierzu nutzt der Film, wie eingangs beschrieben, das dramaturgische Prinzip von Held (Tech-Branche), Bösewicht (außer Kontrolle geratene Technologie) und der Sache, die auf dem Spiel steht (Demokratie, Gesellschaft).

Der Film bewirbt damit eine Weltanschauung, die besagt, dass nur Technologien unsere Probleme lösen können, und die uns zu hilflosen Opfern macht und unser Mitspracherecht unterdrückt. Die interviewten „Kritiker“ kommen, wie gesagt, fast alle aus der Tech-Branche. Einer war mal Risikokapitalgeber von Facebook, der sich nun, da er Milliardär ist, als Facebook-Kritiker aufspielt. Diese Männer müssen der Dramaturgie des Films dankbar sein. Sie stellt nämlich die von ihnen entwickelten Technologien als Mordinstrumente dar, aber befreit sie zugleich von jedem Vorwurf und installiert sie sogar noch als neue kritische Front.

Einer unserer Retter!

Wie dieser Kampf in den Augen der Tech-Branche aussieht, zeigt der Film am Ende. Da schlagen die Männer staatliche Regulierungen vor. Ja, wirklich, die Tech-Branche schlägt Regulierungen für sich selbst vor. Am besten noch ausgearbeitet von Mark Zuckerberg (Facebook), Jeff Bezos (Amazon), Tim Cook (Apple), Sundar Pichai (Google) und Satya Nadella (Microsoft).

Diese Namen lässt der Film brav aus, denn laut Film sind ja die außer Kontrolle geratenen Technologien schuld. Ach, und der Überwachungskapitalismus. Der Film tut so, als kritisiere er die Mechanismen des Überwachungskapitalismus. Dabei naturalisiert er sie nur. Brutalste Gewinnmaximierung ist aus Sicht des Films genauso unausweichlich wie das Wetter. Die armen Milliardenkonzerne können doch nicht anders, sie sind zum Geldverdienen verdammt! Eine richtige Kritik würde die Namen der Verantwortlichen nennen und ihre Haftbarmachung verlangen.

Es gibt viele Kritikerinnen der Tech-Branche, die nicht zur Tech-Branche gehören. The Social Dilemma lässt kaum eine zu Wort kommen. Damit macht der Film deutlich, wer kritisieren darf und wer nicht, nämlich wir nicht. Was beschränkt, inwieweit Kritik an der Tech-Branche möglich ist, nämlich kaum. Das gibt vor, inwieweit über Lösungen nachgedacht werden kann: nur die Tech-Branche kann über Lösungen nachdenken.

Unser Nachdenken über Technologien soll sich aufs Private beschränken. Die Insider geben Tipps wie „Notifications abstellen“, „Smartphone nicht mit ins Schlafzimmer nehmen“ und „Kindern erst ab einem bestimmten Alter ein Smartphone erlauben“.

Vorschläge wie „Werbeverbot auf Sozialen Medien“ oder „Verbot von Milliardenvermögen“ kratzt der Film nicht an. Das wäre nämlich keine konstruktive Kritik, wie sie Computerphilosoph Jaron Lanier im Film fordert. Für ihn sind Kritiker „Antrieb zur Verbesserung“. Übersetzt bedeutet das: Kritik ja, aber bitte nur konstruktiv. Dasselbe haben wir schon in der Schule gelernt, wo destruktive Kritik und Negation schlechte Noten bringen. Konstruktive Kritik ist systemfreundliche Kritik, die dafür sorgt, dass alles bleibt wie es ist.

Seine Abneigung gegenüber der Systemkritik zeigt The Social Dilemma auch in seiner Darstellung von Politisierung und Radikalisierung. Die mit Gruselmusik unterlegten Demonstrationsvideos stellen Demonstrationen an sich als Gefahr für die Demokratie dar. So unterscheidet der Film auch nicht zwischen Neonazis und Linken. Auch in den Spielfilmszenen wird Politisierung als Horrorfilm inszeniert, denn für The Social Dilemma gibt es nichts Gruseligeres als einen Teenager, der sich mehr für Politik interessiert als für Fußball. Der Film mag keine Politik. Wir sollen zuhause bleiben bei unseren neoliberal gecasteten Familien in unseren schönen Häusern und die ganze Zeit Netflix schauen. Die Tech-Konzerne werden sich um alles kümmern.

Mit Maggi macht das Kochen Spaß!

The Social Dilemma ist ein Lehrstück dafür, wie die Tech-Konzerne die öffentliche Diskussion über ihre Technologien bestimmen. Diese Technologien durchdringen uns dermaßen, dass es schwer fällt, eine Welt ohne sie zu denken. Wir stehen im Wald, den wir vor Bäumen nicht sehen. In diesem Wald ist The Social Dilemma eine Falle, die uns mit einer Schlinge ums Bein kopfüber nach oben zieht. So hängend sollen wir warten, bis die Tech-Branche uns rettet. Wir haben das Recht, die Technologie, die uns infiltriert, auf einer Basis zu kritisieren, die wir selbst festlegen. The Social Dilemma will uns dieses Recht ausreden, damit wir nicht auf die Idee kommen, den Wald abzufackeln.

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I’m Thinking Of Ending Things (2020)

In einer Zeit, als der neue Film von Super-Regisseur XY noch nicht standardmäßig auf einer Streaming-Plattform mülldeponiert wurde, sondern im Kino lief, wäre ein neuer quengeliger Charlie Kaufman-Film das zentrale Gesprächsthema in geisteswissenschaftlichen Lesekreisen gewesen. Diese Zeit ist aber um und so greift der Film in seinem verbitterten Kampf gegen die Kunstfeindlichkeit von Netflix zu pompösen Mitteln. Mit dem quadratischen 1,33:1-Format rebelliert er gegen die Widescreen-Monitore des Publikums und das Sound-Design ballert Schneeflocken wie Kanonenkugeln gegen die Windschutzscheibe, damit sich alle ärgern, die den Film mit der Soundausgabe ihres Laptops schauen. Im Glauben, das Publikum damit zu ungeteilter Aufmerksamkeit zu verführen, greift der Film außerdem tief in eine Wundertüte verwirrender Süßigkeiten: überlappende Dialoge, abgebrochene Voice-Over-Monologe, abrupte Schnitte, Positionswechsel, Identitätswechsel, Genrewechsel, Zeitsprünge, Alternativ-Gegenwarten, Alternativ-Schauspieler und zahlreiche Referenzen an Autoren, Bücher, Filme und Brandaktuelles.

In diesem hübschen Gefunkel laufen nun Figuren herum, die im Verhältnis zu all dem eher gewöhnlich wirken. Da ist eine junge Frau (Jessie Buckley), die nach acht Wochen Beziehung mit einem kontrollsüchtigen, cholerischen Mann darüber nachgrübelt, ob sie noch weiter mit ihm zusammen sein will (Antwort: Nein). Und da ist dieser umgrübelte junge Mann (Jesse Plemons), der sich noch als Erwachsener die Anerkennung seiner früheren Schulkameraden wünscht. Zusammen besuchen sie seine Eltern, über deren undefinierte Art seltsam zu sein es nichts weiter zu sagen gibt außer genau das, und fahren am selben Abend wieder zurück. Auf der Rückfahrt führen sie Gespräche, die nicht gerade Szenen einer Ehe (1973) sind, die aber durch den ständigen Einsatz des oben aufgezählten Süßkrams ein angenehmes Unbehagen aufrecht halten, bis sie schließlich einen Abstecher in seine alte Schule machen, wo wir den Beiden noch eine Weile beim Herumlaufen durch die Flure zusehen und sich die filmischen Verwirrspiele zu einem furiosen Finale steigern und irgendwann in ein offenes Ende verpuffen.

Die höchste Unterhaltungspflicht des Films scheint zu sein, das Publikum die ganze Zeit im Unklaren darüber zu lassen, ob das Gesehene gerade Wahrheit oder Traum ist. Durch genau diese Unklarheit soll uns nämlich irgendwann aufgehen, dass die Erzählung dieses Films genauso unzuverlässig ist wie die, die wir uns selbst jeden Tag erzählen. Verblüfft sollen wir nun das Dilemma unserer Existenz darin erkennen, dass wir für immer und ewig Mittelpunkt unserer eigenen Erzählung sind, so langweilig und deprimierend diese auch sein mag. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis verwandelt der Film gewöhnliche Menschen in Filmhelden, indem er ihre eigenen Erzählungen auf sie hetzt. Das ist an sich nett zu schauen, aber es drückt auch eine gewisse Verachtung für jenen Menschen aus, der kein Filmheld, der also nicht Mittelpunkt einer großen Erzählung ist. Der Film ist nicht gewillt, diesen gewöhnlichen, langweiligen Alltagsmenschen anzuschauen oder ihm zuzuhören, er erkennt nicht mal seinen Namen an, er schließt ihn aus und ersetzt ihn irgendwann in einer Tanzeinlage durch eine hübschere, begabtere Version von sich selbst. Der Film unterwirft den Alltagsmenschen einer brutalen und ausweglosen Unterhaltungsmaschine. Wenn das eine kulturpessimistische Perspektive ist, dann hat Netflix diese nun gegessen und wartet auf Nachschub vom nächsten Super-Regisseur XY.