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Star Trek: The Next Generation

TNG 7.14 – Sub Rosa

Doktor Crusher verliebt sich in einen Geist namens Ronin. Der spukt in einem Spukhaus herum, das sogar ein quietschendes Metallgartentor besitzt. Irgendwie sorgt der Geist auch dafür, dass zwischenzeitig knöcheltiefer Roger Corman-Nebel auf der Enterprise herum kriecht. Es gibt einige Spuk-Bilder: Friedhöfe, von alleine wackelnde Spiegel, Schotten. Und Beverly Crusher ist Ronin, der mit tiefer schneidender Stimme spricht, hilflos ausgeliefert. Sie erzählt Troi, dass Ronin sie genau so berührt, wie sie es mag, was an Dialoge aus 90er-Softcore-Filmen erinnert. In einer Szene, als Crusher gerade ganz erregt ist, klopft Picard an die Tür, kommt ungebeten herein und entschuldigt sich, er habe ja geklopft, aber wurde nicht hereingebeten und die Tür war nicht abgeschlossen, also ist er einfach hereingekommen. Semi-interessante Folge, Regie von Jonathan Frakes, viele grüne Wolken.

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Essay Star Trek: The Next Generation

Wahnsinn und Simulation – TNG 6.21 – Frame of Mind

Riker weiß nicht mehr, was Traum und was Wirklichkeit ist. Er soll in einem Theaterstück die Rolle eines Wahnsinnigen spielen, der in Wahrheit gar nicht wahnsinnig ist. Plötzlich findet er sich wirklich in einer geschlossenen Anstalt wieder, wo man ihm sagt, seine gesamte Zeit auf der Enterprise sei nur eine Erfindung seines Gehirns. Ist Riker also wirklich in einer Psychiatrie oder ist das alles nur ein böser Traum? Auf jeden Fall gibt’s in der Anstalt schiefe Weimarer-Kino-Decken, provozierende Wärter, verrückte Mitinsassen und Jonathan Frakes hat struppelige Haare und tiefe Augenringe.

Eine weitere Folge, die zeigt, dass man nicht im 24. Jahrhundert leben sollte, da sich alles jederzeit als Simulation herausstellen kann. The Next Generation hat große Angst vor der Simulation. Dabei ist TNG selbst eine Simulation, nämlich die Simulation einer Serie. Ihre Erzählmuster basieren auf anderen Serien, auf Filmen, auf popkulturellen Zeichen. TNG ist ein Zeichensystem, das mit unserer Lebenswirklichkeit nur insofern zu tun hat, als dass wir diese Zeichen bereits aus unserer Erfahrung mit der Popkultur kennen und verstehen gelernt haben.

Sehen wir beispielsweise schiefe Kamerawinkel und Struppelfrisur, dann denken wir an Wahnsinn, weil das Zeichen sind, die wir mit Wahnsinn assoziieren, und zwar spätestens seit dem Weimarer Kino. Auf das Weimarer Kino bezogen sich dann der Film Noir, der Horrorfilm und viele andere popkulturelle Strömungen bis heute. Deshalb haben wir eine klare Vorstellung von Wahnsinn und genau dieser Vorstellung entspricht der Wahnsinn auch in Frame of Mind. Aber vielleicht sieht Wahnsinn anders aus, vielleicht ist Wahnsinn in Wahrheit rechtwinklig und hat eine gepflegte Frisur.

In Kiyoshi Kurosawas Horrorfilm Cure (1997) ist Wahnsinn nicht von Alltag zu unterscheiden. Der vielleicht unheimlichste Moment des Films zeigt ganz simpel eine Frau, die eine leere Waschmaschine einschaltet, nachdem ihr Ehemann sie gerade wieder ausgeschaltet hat (denn immer wenn er nach Hause kommt, läuft die leere Waschmaschine). Cure ist ein Beispiel für ein Zeichensystem, das nicht in Abhängigkeit zu anderen Zeichen existiert.

TNG ist voll von Zeichen, die sich auf andere popkulturelle Zeichen beziehen. Deshalb ist die Serie ein gutes Beispiel für Baudrillards Simulationstheorie, nach der wir in diesem Zeichensystem gefangen sind und kaum noch eine Möglichkeit haben, „echte“ Erfahrungen zu machen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie von ebendiesen Zeichen (Simulakren) losgelöst sind. Diese Simulakren könnte man grob als Klischees bezeichnen, aber Klischees definieren sich dadurch, dass sie als Zeichen abgenutzt sind, sie sind entlarvte Simulakren.

An dieser Stelle ist TNG interessant, weil die Serie die Gefangenschaft in der Simulation nicht reflektiert. Wenn die Figuren feststellen, dass sie in einer Simulation sind, dann ist dieser Plotmoment selbst schon ein Simulakrum. TNG nutzt Simulakren also unironisch in einer Zeit, als die Popkultur sie immer stärker ironisierte und manchmal versuchte, sich von ihnen zu befreien, siehe Nightmare On Elm Street (1984), Blood Simple (1984), Blue Velvet (1986), The Simpsons (1989-heute), Twin Peaks (1990-1991), The X-Files (1993-2002), Scream (1996) Buffy (1997-2003).

Ein Film, der die Simulation und die mit ihr einher gegangene Ironisierung der Gesellschaft bekämpft, ist Magnolia (1999) von Paul Thomas Anderson. Die Waffe des Films ist radikaler Pathos und radikale Empathie. Der Film nutzt Simulakren, aber er nutzt so viele zugleich und in einer dermaßenen Dichte, dass sie einander wie in einem Schwarzen Loch zerquetschen und zu einer Art Urmasse verschmelzen. Wenn der Abspann einsetzt, sind die Simulakren unkenntlich gemacht und für einen kurzen Moment sind wir von ihnen befreit.

Ein anderer Umgang mit Simulakren kommt von Quentin Tarantino. Tarantino ist berühmt für sein Spiel mit unserem popkulturellen Zeichensystem. Das Besondere an Tarantinos Spiel ist, dass es die politische Brisanz dieser Simulakren, also die sich in ihnen ausdrückenden Machtverhältnisse (zum Beispiel ihren Rassismus), immer präsent hält, sie also nicht verdrängt, wie im amerikanischen Kino üblich. In Tarantinos Kino ist Popkultur kein unschuldiger Spaß. Ich denke, deshalb werden seine Filme so kontrovers besprochen, weil sie uns mit der politischen Geladenheit der Popkultur konfrontieren.

TNG und nachfolgende Star Trek-Serien bis einschließlich Enterprise eignen sich gut, um eine Simulakren-Liste zu erstellen. Interessant wäre dann ein Vergleich mit den Simulakren heutiger Serien, in denen beispielsweise „authentische“ Charakterentwicklungen oder der Einsatz eingängiger Songs am Ende einer Serienfolge schnell selbst zu Simulakren wurden.

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Essay Star Trek: The Next Generation

Teenager-Töchter lobotomieren – TNG 3.16 – The Offspring

Data baut sich eine Tochter namens Lal. Er will ihr ein Vater sein und sie will sich in die menschliche Gesellschaft einfügen. Das ist an sich schon schwierig genug, aber darüber hinaus will die Sternenflotte Lal für ihre Untersuchungen von der Enterprise runter befehlen, weg von Data, ihrer einzigen Bezugsperson. Lal bekommt nun, ungewöhnlich für eine Androidin, Angst. Das führt zu einer furchteinflößenden Szene, in der sie sich selbst immer wieder mit den Fingerspitzen gegen den Brustkorb hämmert, als wollte sie die Angst weg hämmern.

Die Serie erklärt in technischem Jargon, warum Lal mit ihren Gefühlen nicht weiter leben kann. Ihre Gefühle sind eine Fehlfunktion. Data will diese Fehlfunktion um jeden Preis beheben und Lal selbst will lieber gar nicht leben als Gefühle erleben zu müssen. Also schraubt Data ihren Kopf auf und operiert darin herum. Wenn wir die Vater-Tochter-Metapher der Folge ernst nehmen, sehen wir hier einen Vater, der seine suizidale Tochter lobotomiert.

Lobotomien waren von den späten Dreißigern bis in die Siebziger eine weltweit angewandte Methode zur „Heilung“ psychischer „Krankheiten“. Aus meiner Laiensicht funktionieren Lobotomien so, dass der Teil des Gehirns, der für die Aufnahme von Sinneseindrücken verantwortlich ist, von dem Teil des Gehirns getrennt wird, der für die Verarbeitung von Sinneseindrücken verantwortlich ist. Durch diese Trennung können Sinneseindrücke also nicht mehr verarbeitet werden und somit auch keine Gefühle mehr auslösen, was das Ziel einer Lobotomie ist. Es soll Lobotomie-Überlebende gegeben haben (und immer noch geben), die sich nach der Lobotomie ausgeglichener fühlten. Manche fühlten sich nicht groß anders. Die meisten wurden Pflegefälle.

Berühmt ist der Fall von Rosemary Kennedy, Tochter von Joseph und Rose Kennedy und Schwester von Präsident John F. Kennedy. Vater Joseph wollte all seine Kinder im politischen Zirkus auftreten lassen. Rosemary sollte dabei ihren Politiker-Brüdern auf Banketten eine hübsche Dekoration zu sein. Doch sie ging lieber in die Oper oder zu Pferderennen oder hing mit Freunden rum. Deshalb galt sie in der Familie als „eigensinnig“ und machte ihren Eltern große Sorgen. Was werden nur „die Leute“ sagen?

Also ging Vater Joseph eines Tages mit Rosemary zu Walter Freeman, dem Erfinder der transorbitalen Lobotomie. Bei dieser Lobotomie-Methode wird eine Art Eispickel durch die Augenhöhlen gestochen, ein paar Mal im Hirn herum gedreht und dann wieder herausgezogen. Das geht im Vergleich zur aufwändigeren präfrontalen Lobotomie ziemlich schnell und wurde von Freeman mehrere tausend Male durchgeführt. So auch an Rosemary. Freeman lobotomierte sie einfach so, ohne ihr das vorher zu sagen. Das war 1941. Rosemary war 23 Jahre alt. Sie konnte jetzt nicht mehr sprechen, gehen, war inkontinent, ein Pflegefall. Vater Joseph brachte sie in einem Kloster unter, wo er sie nie wieder besuchte. Die Kennedy-Familie leugnete Rosemarys Existenz bis ins Jahr 1960.

Lobotomien wurden vor allem genutzt, um Frauen zu zähmen, die sich nicht wie brave Hausfrauen verhielten. Schnell wurde klar, dass Lobotomie eher schlecht ist, also erfand man neue Wege zur Frauenzähmung, zum Beispiel Medikamente und einige Formen der Psychotherapie. Zu diesem Thema empfehle ich Ira Levins Roman The Stepford Wives (1972) und auch dessen Verfilmung von 1975. In dieser Geschichte werden Ehefrauen durch Haushalts-, Mutter- und Sex-Roboter ersetzt, die genauso aussehen wie sie. Was ziemlich genau das ist, was Lobotomien, Medikamente und Therapien aus Frauen machen sollten. Für weitere Infos hierzu empfehle ich die Stepford Wives-Folge des Podcasts You’re Wrong About, wo auch nicht-fiktionale Bücher zum Thema empfohlen werden.

Neben Frauen wurden Lobotomien auch häufig an Kindern durchgeführt, die hyperaktiv waren oder sonstwie „störten“. Und jetzt führt auch Data eine Lobotomie an seiner Tochter durch, weil sie Gefühle hat. Die Serie gesteht Lal zu keiner Zeit eine Existenz mit Gefühlen zu. Vielleicht hätte sie lernen können, mit Gefühlen umzugehen. Sicher hätte die Serie dafür eine technische Erklärung gefunden.

The Offspring ist ein aufwühlendes Stück Fernsehen und neben Q Who die fokussierteste TNG-Folge, die ich bisher gesehen habe. Keine langweiligen Nebenplots, kein überflüssiges Geplänkel. Die Folge ist hundertprozentig auf Lal konzentriert.

Hallie Todd als Lal gibt die wohl beste Schauspielleistung in der gesamten Serie. Besonders rührend ist ihr Gang, bei dem sie die Arme immer etwas voraus hält, als hätte sie Angst, vornüber zu kippen. Auf den ersten Blick sieht es wie ein Klischee-Robotergang aus, aber Todd spielt hier keinen Robotor, sondern eine instabile Teenagerin, die einsam ist und ohne Halt und umschwemmt von den Erwartungen ihres Umfelds.

Besonders tragisch ist die Szene, in der Lal möchte, dass sie und Data Händchen halten. Sie hat nämlich gelernt, dass dies bei Menschen ein Ausdruck von Zuneigung ist und möchte Data so ihre Zuneigung ausdrücken. Tragisch ist das, weil Data am Ende, statt sie zu lobotomieren, vielleicht einfach ihre Hand hätte halten müssen, um ihr gegen die Angst ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Aber Data ist eine gefühllose Maschine ohne Empathie, er kommt nicht darauf. Stattdessen will er Lals Gefühle mit Technik „lösen“ und deshalb ist sie jetzt tot.