Categories
Essay Star Trek: The Next Generation

Haben Computer Rechte? – TNG 2.9 – The Measure of a Man

The Measure of a Man beginnt mit einem Pokerspiel zwischen Riker, La Forge, O’Brien, Pulaski und Data. Erstmals sind die Figuren in einem Kontext beisammen, in dem Dienstgrade aufgehoben sind. Das wirkt befreiend, nach all der Steifheit in den Folgen zuvor. Schon in früheren Folgen gab es Freizeitspaß auf dem Holodeck oder außerdienstliche Gespräche im Zehnvorne, aber Pokern ist, neben einer sozialen Freizeitbeschäftigung, auch ein Spiel mit der Ungewissheit, also ein Gegensatz zur mathematisierten und hierarchisierten Gesellschaft von Star Trek.

Im Audiokommentar sagt Autorin Melinda M. Snodgrass, dass Gene Roddenberry nicht ganz einverstanden mit dem Drehbuch war. In seiner Auffassung sind nämlich Anwälte in der Star Trek-Zukunft überflüssig, weil es hier weder Konflikte gibt, noch Ungerechtigkeit. Diese Auffassung von Gesellschaft schließt jedes Hinterfragen, jede Kritik an dieser Gesellschaft aus und fordert totale Unterwerfung. Und für die Autoren von The Next Generation war diese Auffassung wie Sabotage, denn gute Folgen zu schreiben, in denen sich immer alle lieb haben, ist unmöglich. Deshalb griffen die Autoren in der ersten Staffel häufig auf Wesley Crusher zurück, als derjenige, der die Lösung des Problems vor allen anderen erkannte. Die dramatische Frage hatte dann zwar nichts mit dem Thema der Folge zu tun, aber imnmerhin gab es eine: Wird die Crew dem kleinen Wesley glauben?

Der Pokertisch ist jedenfalls ein Ort des Risikos und der schweren Entscheidungen. Pokern erzeugt Konflikte, Antagonismen. So ist schon diese Pokerszene ein kleiner Triumph im Kampf gegen Roddenberrys Diktat. Zumal sie auch das Thema der Folge einführt, nämlich die Entscheidungsfähigkeit Datas. Data wundert sich darüber, dass beim Pokern nicht nur gewinnt, wer die besten Karten hat und dass Berechnung allein nicht zum Ziel führt. Diese Verunsicherung wird Data später zitieren, wenn er einem Wissenschaftler, der ihn auseinander bauen will, den Wert seiner Erinnerungen erklärt, als etwas, das sich dem Zweck von Verarbeitung und Verwertung nicht unterordnen lässt. Maddox, der Wissenschaftler, will Data von der Enterprise weg holen, um ihn zur Analyse auseinander zu bauen. Maddox’ langfristiges Ziel ist, Data zu kopieren, damit jedes Raumschiff der Sternenflotte seinen eigenen Data hat. Doch Data möchte das nicht und es entsteht ein Rechtsstreit, bei dem verhandelt wird, ob Data Eigentum der Sternenflotte ist oder ob er trotz seines Daseins als Android ein Recht auf freie Entscheidung hat. Diese Frage wird in einer Gerichtsverhandlung geklärt, in der Captain Picard und Commander Riker als Anwalt und Verteidiger gegeneinander antreten müssen, Riker auf Seite von Maddox und Picard auf Seite von Data.

Das Schöne an Data ist, dass er sich für jede noch so banale Erfahrung fasziniert. Hierin ist er für alle ein Vorbild kindlicher Neugier. So ist die Frage, die die Folge stellt (Hat Data ein Recht auf Entscheidung?), leicht mit Ja zu beantworten, zumindest intuitiv. The Measure of a Man hat jedenfalls keine guten Argumente dagegen. Riker argumentiert ziemlich schwach. Er beweist lediglich, dass Data eine Maschine ist. Das hatte aber niemand bestritten, also Thema verfehlt. Daher ist es schwer zu glauben, dass jemand wie Picard sich nun erst mal zum Nachdenken zurück ziehen muss. Das ist die Schwäche der Folge: dass das philosophisch-ethische Problem um Data nicht überzeugend problematisiert wird. Riker hätte zum Beispiel fragen können, wie Data überhaupt Entscheidungen trifft. Sind Datas Entscheidungen Ergebnis von Mathematik beziehungsweise Logik? Oder spielen auch menschliche Werte in seine Entscheidungen rein, also Impulse, Triebe, Vorurteile? Wenn Datas Entscheidungen allein auf mathematischen Gleichungen basieren, sind sie keine Entscheidungen, sondern mathematische Gleichungen. Auf dieser Grundlage wäre es legitim, Data das Recht auf Entscheidung abzusprechen.

Joseph Weizenbaums Computerprogramm ELIZA aus dem Jahr 1966 zeigt, wie leicht bei Menschen die Überzeugung entsteht, dass eine Maschine ein Bewusstsein hat. ELIZA war nämlich ein Gesprächs-Simulator, quasi der erste Chatbot. Seine Funktionsweise beschreibt Weizenbaum so (aus Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, 1978):

Da es in Gesprächen immer um irgend etwas gehen muss, d. h., da sie innerhalb eines bestimmten Kontextes stattfinden müssen, war das Programm als Zwei-Bänder-Anordnung konstruiert, wobei das erste Band aus dem Sprach-Analysator und das zweite aus einem Skript bestand. Ein Skript besteht aus einer Reihe von Regeln, die in etwa denen gleichen, an die ein Schauspieler gebunden ist, der über ein bestimmtes Thema improvisiert. Somit konnte man in ELIZA ein Skript eingeben, das sie in die Lage versetzte, ein Gespräch über das Kochen von Eiern oder über die Benutzung eines laufenden Kontos bei er Bank etc. zu führen.

Als Gesprächs-Kontext wählte Weizenbaum die Psychotherapie, denn: „Ein solcher Therapeut ist verhältnismäßig einfach zu imitieren, da ein Großteil seiner Technik darin besteht, den Patienten dadurch zum Sprechen zu bringen, daß diesem seine eigenen Äußerungen wie bei einem Echo zurückgegeben werden.“ Weizenbaum war schockiert über die Reaktionen seiner akademischen Kollegen auf ELIZA. Viele vertrauten dem simplen Programm intimste Details an, echte Psychotherapeuten hielten es für einen ersten Schritt zu einer automatischen Form der Therapie und viele sahen in ELIZA den Beweis dafür, dass Computer natürliche Sprache verstehen können. Viele waren sich sicher, dass ELIZA ihre persönlichen Probleme tatsächlich verstand und wollten sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen.

Wenn wir Datas „Positronengehirn“ als eine Weiterentwicklung von ELIZA betrachten, also als einen extrem hoch entwickelten Gesprächs-Simulator, der in der Lage ist, sein Skript auf alle möglichen Gesprächsthemen anzuwenden, selbst auf metaphysische, dann können wir Data das Recht auf Entscheidung tatsächlich absprechen, denn er ist ja nur ein Simulator und das bleibt er auch, selbst wenn er Dinge wie „Willen“ oder „Entscheidung“ sehr gut simulieren kann. Riker hätte also ruhig mal jemanden wie Joseph Weizenbaum lesen können, um Picard und vor allem das Publikum ein bisschen mehr zu fordern. Dass Datas Verhalten menschlich wirkt und wir deshalb geneigt sind, ihm Rechte zuzugestehen, heißt nicht, dass wir das tun sollten.

The Measure of a Man wird seiner Legende als philosophisch tiefschürfende Folge nicht gerecht. Trotzdem ist die Folge hevorragend, einfach weil Snodgrass (selbst mal Anwältin gewesen) Picard und Riker aufeinander hetzt. Im Audiokommentar sagt sie, dass Rechtsstreitigkeiten bei der Navy, tatsächlich so gehandhabt werden, dass in Abwesenheit echter Anwälte Captain und Erster Offizier die Parteien als Anwalt und Verteidiger vertreten. Dieser Konflikt ist also nicht so beliebig dahin konstruiert, wie es auf den ersten Blick wirken mag.

The Measure of a Man war das erste Drehbuch von Melinda M. Snodgrass. Es war ein On-Spec-Drehbuch, sie hat es also einfach on speculation bei den Star Trek-Machern eingereicht, und zwar über den Agenten ihres Freundes George R. R. Martin. Darauf wurde sie als neue Stammautorin für The Next Generation eingestellt. Da die Serie es den Autoren aber sehr schwer machte, stieg sie relativ schnell wieder aus. The High Ground in der dritten Staffel war ihre letzte Folge. Bemerkenswert ist auch ihre Adaption der George R. R. Martin-Kurzgeschichte Sandkings für die erste Folge von The Outer Limits (1995-2002).

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 2.6 – The Schizoid Man

Ein sterbender Wissenschaftler transferiert seine Persönlichkeit in Data. Was relativ schnell auffällt, weil sich Data seltsam benimmt. Am Ende kann der weise Picard den Wissenschaftler überzeugen, aus Data raus zu gehen. Immer nett, wenn Data aus der Rolle fällt. Am besten ist aber sein Bart zu Beginn der Folge, den er leider nicht weiter trägt. Ich hätte mir eine Folge gewünscht, in der es nur darum geht, wie er der Mannschaft seinen Bart präsentiert, wie alle den Bart blöd finden und dann wie der Bart immer länger wird und irgendwann die Enterprise bedroht. Schade, dass sich die Folge nicht an meinen Wunsch gehalten hat.

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 2.3 – Elementary, Dear Data

Geordi und Data spielen Sherlock Holmes auf dem Holodeck, aber Data löst jeden Fall sofort. So lassen sie den Computer einen Holmes-Fall entwerfen, der Data besiegen kann. Was einen Professor Moriarty erzeugt, der ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass er ein Hologramm auf einem Holodeck auf einem Raumschiff namens Enterprise ist. Moriarty entwirft eine Maschine, mit der er die Enterprise zum Wackeln bringen kann und irgendwie bringt er es fertig, die alleinige Kontrolle über das Holodeck zu erlangen. Sein Ziel: Er will außerhalb des Holodecks weiter leben können. Doch Picard sagt ihm, dies sei nicht möglich. Moriarty sieht das ein und lässt sich deaktivieren. Ende.

Die Folge ist bemerkenswert, weil es überraschend ist, einen dramatischen Konflikt durch Einsicht gelöst zu sehen. Coole Checker wie ich nennen das Antiklimax. Die Spannung steigt und steigt, aber auf dem Höhepunkt entlädt sie sich nicht in einer Konfrontation, sondern sinkt einfach wieder ab. Der Antiklimax enttäuscht bewusst die Erwartung an die Konfrontation. Was klug ist, denn wenn Erwartungen erfüllt werden, vor allem in Fernsehserien, ist das meistens unbefriedigend.

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 1.25 – Conspiracy

Zu diesem Zeitpunkt eine nötige Folge, auch für dieses seltsame Projekt hier. Mit Conspiracy atmet The Next Generation die Horrorluft. Das erzeugt sofort eine bislang unbekannte Dringlichkeit, mit Würmern zum Abendessen, explodierenden Köpfen und aus Bäuchen brechenden Viechern. Leider brechen diese Viecher nicht aus Bäuchen der Hauptbesatzung der Enterprise, sondern nur aus dem des ohnehin unsympathischen Remmick. Er war der Leiter der Picard-Untersuchung in Coming Of Age.

Im ersten Drittel gibt es auch ein paar klassische Comedy-Bits. Die Brückencrew unterhält sich über die Vorzüge des Schwimmens. Da sagt Worf: Swimming is too much like bathing. Außerdem darf Worf in dieser Folge zum ersten Mal kämpfen, und zwar ganz ehrenhaft Mano-a-Mano. Nur hat Worf keine Chance und Beverly Crusher muss ihn retten.

Nebenbei lacht Data zum ersten Mal über einen Witz von Geordi La Forge. Erst erklärt er den Witz mit großer Präzision, dann beginnt er das Lachen. Später erklärt Data dem Computer einen Sachverhalt und der Computer unterbricht ihn, das reicht. Schon eine nette Folge.

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 1.13 – Datalore

Die Enterprise trifft erstmals auf Lore, ein Android, der genauso aussieht wie Data, aber er grinst gruseliger und spricht ironisch, salopp, bildhaft, fast wie ein Mensch, und er wird die Enterprise einem durchs All fliegenden Riesenkristall zum Fraß vorwerfen.

Auch in dieser Folge hat Wesley Crusher als einziger den richtigen Riecher, doch die doofen Erwachsenen glauben ihm nicht, noch danken sie ihm am Ende. Das ist aus Sicht eines Fernsehautors, der wenig Zeit hat, um eine Folge zu schreiben (oder zu retten), der schnellste Weg zum dramatischen Konflikt, wenn sonst keiner zu finden ist.

Das Kristallwesen ist sehenswert, wie es zunächst als kleiner blauer Punkt auf dem Schirm auftaucht, immer größer wird und sich schließlich um die Enterprise herumästelt. Ein fantastisches Wesen, erinnernd an die Kirk-Serie, zum Beispiel an den durchs All treibenden Baumstamm in The Doomsday Machine.

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 1.7 – Lonely Among Us

Die Enterprise soll die Botschafter zweier verfeindeter Planeten zu einer Verhandlung bringen, wobei beide Alienrassen einzigartige äußerliche Merkmale haben. Das Design der Selay orientiert sich an Echsen. Die Antican sehen mit ihren langen weißen Bärten aus wie stereotype Samurai-Lehrer (lustigerweise inklusive der Kinder), zeichnen sich aber auch durch ihre Eigenart aus, ständig Fleisch noch lebend verzehren zu wollen. Da beide Völker verfeindet sind, verlangen sie Quartiere, die möglichst weit voneinander entfernt liegen. Trotzdem jagen sie sich auf den Fluren der Enterprise mit albernen Waffen, zum Beispiel mit unpraktischen neongrün leuchtenden Halsschlingen, die an Stöckern befestigt sind. Schade, dass die eigentliche Handlung damit überhaupt nichts zu tun hat. Nämlich streift die Enterprise eine Energiewolke, in der ein Elektrowesen lebt, das in die Armaturen der Enterprise eindringt und von dort Besitz von Crewmitgliedern ergreift (zum Beispiel von Worf und Doctor Crusher). Da das sehr rätselhaft ist, liest Data zum ersten Mal Sherlock Holmes, beginnt zu ermitteln und nimmt dabei auch Holmes’ Art an, Pfeife zu rauchen und arrogante Reden zu schwingen, was aber lustigerweise keine nützlichen Erkenntnisse bringt und Picard total nervt. Irgendwann ergreift das Elektrowesen Besitz von Picard und die Crew muss einen Weg finden, ihn zu retten. Nicht die spannendste Folge, aber Brent Spiner als Data als Holmes ist fantastisch und überträgt Datas wichtige Leidenschaft für Rätsel zum ersten Mal ins Filmische.

Categories
Star Trek: The Next Generation

TNG 1.6 – Where No One Has Gone Before

Das erste Highlight. Die Enterprise warpt an den Rand des Universums, der aussieht wie eine Unterwasserhöhle und Gedanken real werden lässt. Was zu trippigen Szenen führt: Crew-Mitglieder streicheln ihre Haustiere, tanzen Ballett, spielen Orchester, Picard trifft seine “Maman”. Also es gibt viel zu sehen.

Die Figur des Reisenden, die für diesen Trip verantwortlich ist, wird von Eric Menyuk gespielt, eine tolle Besetzung. Seine Statur ist dünn und zerbrechlich, sein Gesicht strahlt Gnade und Wärme aus und eine bedingungslose Wertschätzung gegenüber alles und jedem. Laut Wikipedia war er auch im Rennen für die Rolle des Data. Für den Androiden suchte man also offenbar nach einem Schauspieler mit weichen Gesichtszügen, wie sie ja auch Brent Spiner hat. Im Finale dieser Folge ist die Crew jedenfalls hypnotisiert von der Freundlichkeit des Reisenden. Alle lächeln einander an, geeinigt durch den Glauben, dass der Reisende sie wieder zurück bringt. Das ist bemerkenswert, da die Crew sich hier freiwillig auf das Mantra “positive Gedanken” reduziert. Ein esoterischer Moment im ach so wissenschaftlichen The Next Generation.

Wichtig ist auch die Beziehung zwischen dem Reisenden und Wesley Crusher, da sie sofort Freunde werden und der Reisende Wesleys Potenzial erkennt (er vergleicht ihn sogar mit Mozart). Er rät Picard, Wesley zu fördern und Picard macht ihn direkt zum Fähnrich. Früher hat mich Wesley eher gestört. Seine deutsche Stimme hatte diesen Überenthusiasmus, den amerikanische Teenager in deutschen Achtziger-Synchronisationen meist hatten. Im Original wirkt Wesley kompetent und neugierig.

Dies ist jetzt eine meiner Lieblingsfolgen. Mag auch daran liegen, dass ich sie spät nachts bei lautem Sound an die Wand projiziert hab und dass die Bluray-Restauration die Abenteuerlichkeit dieser Folge betont. Die Effekte während der Überwarp-Geschwindigkeit sind bunte wirbelnde Schlieren und der Sound macht Eindruck.