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Film

Angst (1983)

Ein Mörder wird aus dem Gefängnis entlassen und will sofort wieder morden. Anfangs drückt die Kamera seinen Morddrang aus, indem sie zum Beispiel zwei Frauen in einem Imbiss durch Nahaufnahmen ihrer Beine und Münder zerstückelt, während die Schmatz-Geräusche des gerade wurstessenden Mörders zu hören sind. In diesen Aufnahmen sind die beiden Frauen keine Menschen mehr, sondern eine Versammlung sprichwörtlich schmackhafter Körperteile. Dazu ist ihre Unterhaltung nur gedämpft und unverständlich zu hören. Wer sie sind, lernen wir nicht.

Der Film zeigt eine Form von Gewalt, die Menschenverachtung pragmatisiert. Die Gewalt dreht sich um die praktischen Schwierigkeiten des Mordens. Die Opfer wehren sich so lang, bis sie keine Kraft mehr haben, keine Luft mehr kriegen oder ausgeblutet sind. Dabei zersplittern Scheiben, es kommt zu Überschwemmungen, das abgelegene Waldhaus wird verwüstet. Am Ende sind die Spuren der Gewalt (im Gegensatz zu Psycho) nicht mehr wegzuwischen. Diese Gewaltdarstellung hat etwas Befremdliches, da sie sich dem verschließt, was wir von Filmgewalt gewohnt sind. Die Gewalt wird nicht lustvoll glorifiziert, sie ist nicht eingewoben in folkloristische Mythologien, sie ist nicht eingewoben in Spannungs-Mechanismen, sie ist einfach nur da, wild und laut und um sich selbst kreisend, und erzeugt ratloses Starren. Bei all dem ist immer wieder die Stimme des Mörders zu hören, der in Voice-Over-Monologen seine grausamen Taten psychologisiert. Er erzählt zum Beispiel von seiner schlimmen Kindheit, aber diese Erklärungen erklären nichts, sie wirken angesichts seiner grausamen Taten wie Hohn. Zumal in seiner ruhigen Stimme ein narzisstischer Genuss liegt, als gefalle ihm, dass wir ihm zuhören.

Es wäre leicht, den Film als Gegenentwurf zum Slasherfilm zu sehen, oder zu True Crime. Aber ihn auf eine medienkritische Haltung zu reduzieren (wie Haneke sie behauptet zu vertreten), greift zu kurz. Der Film stellt die Banalität von Gewalt dar. Dabei unterscheidet sich Angst zu Filmen wie beispielsweise Idi i smotri (Komm und Sieh, 1980) darin, dass er sich nie künstlerisch über die Gewalt stellt. Er inszeniert sie nicht virtuos und er lässt auch nicht irgendwann mal Mozart laufen, damit sich das Publikum doch noch ein wenig kultiviert fühlen kann. Zudem sind alle Figuren auf bürgerliche Rollen reduziert. Die beiden Frauen vom Anfang im Imbiss sitzen am nächsten Tag immer noch mit den gleichen Klamotten am selben Platz, wie auch der ältere Herr, der Zeitung liest. Alle Figuren wirken kalt und starr wie Leichen. Es ist ein Blick auf Gesellschaft als toter Ort. Eine wichtige Rolle spielt der Dackel, der im abgelegenen Waldhaus wohnt. Haustiere (vor allem Hunde) sind etwas, was der unterdrückte Mensch selbst unterdrücken kann. Als Pointe zeigt der Film, dass die Unterdrückung des Hundes nur eine Illusion ist, denn seine Herrchen sind ihm egal, er will nur gefüttert werden. Zum Schluss hüpft der Dackel zu dem, der gerade sein Herrchen getötet hat, ins Auto.