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The Social Dilemma lügt

The Social Dilemma ist ein Dokumentarfilm, der vorgibt, über die Gefahren von Sozialen Medien aufzuklären. Tatsächlich klärt der Film wenig auf. Er vereinfacht, verfälscht und lügt, um die Tech-Branche als einzigen möglichen Retter vor einer düsteren Zukunft darzustellen. So untergräbt der Film unser Mitspracherecht und unsere Kritikfähigkeit an den Technologien der Tech-Branche. Kritik soll entweder aus der Tech-Branche kommen oder konstruktiv sein, also systemfreundlich.

1. Böse Technologie und liebe Entwickler

The Social Dilemma besteht aus Interviews. In diesen erklären ehemalige Mitarbeiter von Tech-Konzernen die Sucht-Algorithmen der Sozialen Medien. Wie sie funktionieren, wie sie Profit schaffen und dass sie depressiv, suizidal und politisch radikal machen. Der Film illustriert das in Spielfilmszenen über eine Familie, die beim Abendessen nicht mehr miteinander spricht, weil alle am Smartphone kleben. Außerdem politisiert sich der Sohn, weil er Videos einer fiktiven politischen Bewegung schaut. Die Sucht-Algorithmen sind dargestellt durch drei Männer auf einer Science-Fiction-Kommandobrücke. Sie spielen dem Teenager ständig neuen politisch radikalen Content in die Timeline, weil dieser Content das größte Suchtpotenzial birgt.

Die süchtig machenden Algorithmen.

Auf den ersten Blick folgt der Film dem Konzept von Erklärung und Illustration. Doch zugleich installiert er drei dramaturgische Werkzeuge: (1) Einen Helden. (2) Einen Bösewicht. (3) Eine Sache, die auf dem Spiel steht.

Auf dem Spiel steht: die Existenz der Menschheit, denn laut Film wird Social Media uns in Bürgerkriege und Feuerstürme stürzen. Davor retten wird uns der Held: eine Mannschaft von Tech-Insidern, die ab jetzt „menschenwürdige“ Technologien entwickelt. Und der Bösewicht: eine außer Kontrolle geratene Technologie.

Das ist aus vielen Gründen vereinfachend und verfälschend. Zum Beispiel führt der Film politische Radikalisierung allein auf Soziale Medien zurück, ohne über Themen wie soziale Ungleichheit zu sprechen. Auch spricht der Film über Soziale Medien, spricht aber nicht über Computer, Internet und Smartphones und über die zu ihrer Herstellung nötige Ausbeutung von Billigarbeitern und Umwelt, die Grundlage für die digitale Infrastruktur ist, in der wir heute zwangsweise leben. Auch meidet der Film Themen wie Wissens-Ungleichgewicht, die Abschaffung des freien Willens oder die totale Infiltration unserer öffentlichen und privaten Räume durch Software wie Pokémon Go und alle möglichen Smartgeräte. Ich könnte viel mehr aufzählen, aber der Punkt ist klar: Beim kritischen Blick auf Soziale Medien ergeben sich notwendigerweise viele unbequeme Fragen über unsere Gesellschaft. Diese Fragen scheut der Film völlig.

Dieses Maß an Vereinfachung und Verfälschung zeigt die Ignoranz von The Social Dilemma für das Thema, das er kritisch zu beleuchten vorgibt. Mit viel gutem Willen könnte man hierin das Versäumnis eines Films sehen, der eigentlich eine gute Absicht hat. Nur hat er diese gute Absicht nicht. Der Film schlägt sich auf die Seite der Tech-Branche, indem er eine ihrer wichtigsten Lügen propagiert, und zwar die der außer Kontrolle geratenen Social-Media-Technologien. Diese Technologien sind nämlich gar nicht außer Kontrolle geraten. Sie funktionieren genau, wie ihre Entwickler es wollten.

Traurige Klavier-Akkorde für traurige Tech-Insider.

Eben diese Entwickler geben dem Film eine Stimme. Früher arbeiteten sie bei Google, Facebook und anderen. Jetzt behaupten sie, Soziale Medien hätten ein Eigenleben angenommen, das niemand hätte vorhersehen können. Da spricht zum Beispiel Justin Rosenstein, ein ehemaliger Chefentwickler von Facebook (siehe Bild). Er sagt, Facebooks Like-Button wurde ursprünglich entwickelt, um der Menschheit „joy“ zu bringen. In Wahrheit entwickelte Facebook den Like-Button von Beginn an nicht als menschenfreundliche Geste, sondern als übergriffiges Werkzeug mit dem Zweck, intimste Daten aus Facebook-Usern zu extrahieren, Facebook-User süchtig nach Likes zu machen, Verhaltens-Experimente mit Facebook-Usern durchzuführen und Menschen zu tracken, die gar keinen Facebook-Account haben.

Die Macher dieser Dokumentation wissen das. Eine Interviewpartnerin ist Shoshana Zuboff, die Autorin von Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (2018). In diesem Buch belegt Zuboff die menschenfeindlichen Missbrauchspraktiken von Google, Facebook, Microsoft und anderen durch Patentschreiben, interne Mails und Zitate. Doch darauf geht der Film nicht ein. Stattdessen bleibt er beim Märchen von der außer Kontrolle geratenen Technologie. Dieses Märchen hat drei Effekte: (1) Es spricht die Tech-Konzerne von ihren Verbrechen frei. (2) Es ordnet die Gefahren der Sozialen Medien falsch ein, weil es die Absichten hinter den Sozialen Medien ignoriert. (3) Es etabliert uns als hilflose Opfer dieser Technologien, deren einzige Rettung wieder neue Technologien sind.

2. Das Center for Humane Technology

Einen dieser Retter stellt uns The Social Dilemma genauer vor: Tristan Harris. Tristan Harris bekommt mit Abstand am meisten Sprechzeit. Er ist der Gründer des Center for Humane Technology (CHT), das The Social Dilemma neunzig Minuten lang bewirbt.

Tristan Harris: Traum-Schwiegersohn

Das CHT ist eine 2018 gegründete Nonprofit-Organisation. Sie vereint Insider aus der Tech-Branche, um uns hilflose Opfer mit einer „radikal neu gedachten Technologie“ vor den Gefahren der Sozialen Medien zu retten.

Das CHT beschreibt die Gefahren der Sozialen Medien vereinfacht so: Soziale Medien machen süchtig nach Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeits-Sucht führt zu radikalen Posts. Radikale Posts führen zu Radikalisierung. Radikalisierung führt zu Zerstörung von Demokratie und Gesellschaft.

Das CHT schlägt nun folgende Lösung vor: Design-Konzepte, die eine Schnittstelle schaffen zwischen Technologie, menschlicher Natur und systemischer Veränderung. Das wirkt irgendwie schwammig, oder? Irgendwie unverständlich. Zum Glück schenkt uns die Webseite eine Grafik mit drei sich überschneidenden Kreisen und in der Mitte, wo sich die drei Kreise überschneiden, da erblüht sie, diese wunderbare neue Schnittstelle, die Rettung der Menschheit.

Technologie, menschliche Natur und systemische Veränderung. Drei nichtssagende Begriffe, die trotzdem eine Bedeutung haben. Das Wort „Technologie“ bedeutet „Tech-Konzerne“. „Menschliche Natur“ ist „Konsument“. „Systemische Veränderung“ meint „Politiker und Investoren“. Die Schnittstelle in der Mitte ist der „Gewinn für die Tech-Konzerne“.

Jetzt sehen wir, worum es dem CHT wirklich geht: Die Tech-Branche hat ein Image-Problem. In der öffentlichen Diskussion gelten die großen Tech-Konzerne mittlerweile als Überwachungsmaschinen und Monopole, deren Macht geschwächt werden sollte und die vielleicht sogar verboten gehören. Das mögen die Tech-Konzerne nicht. Warum, zeigt die obige Grafik: Wenn der Kreis der Konsumenten sich vom Kreis der Tech-Konzerne entfernt, entfernen sich auch die Politiker und Investoren. Je weiter sich die drei Kreise voneinander entfernen, desto kleiner ist der Gewinn.

Das muss verhindert werden. Dazu berät nun das CHT die Tech-Konzerne in der Herstellung von „humane technology“. Jetzt können die Tech-Konzerne sagen, dass sie „humane technology“ benutzen, ohne etwas an ihren Praktiken zu ändern. Das ist, wie einen Kackehaufen mit Parfüm zu besprühen und zu versprechen, dass ab jetzt niemand mehr rein tritt. Klingt blöd, funktioniert aber, denn beim Anblick von Kreisen und Schnittstellen fällt vielen das Hirn aus.

3. Der Wald

Wir können The Social Dilemma und das CHT als Beispiele für eine argumentative Strategie namens Prokatalepsis sehen. Die Prokatalepsis nimmt einen kritischen Einwand vorweg, um diesen präventiv zu schwächen und den nun folgenden Diskurs zu bestimmen. Hierzu nutzt der Film, wie eingangs beschrieben, das dramaturgische Prinzip von Held (Tech-Branche), Bösewicht (außer Kontrolle geratene Technologie) und der Sache, die auf dem Spiel steht (Demokratie, Gesellschaft).

Der Film bewirbt damit eine Weltanschauung, die besagt, dass nur Technologien unsere Probleme lösen können. Diese Weltanschauung macht uns zu hilflosen Opfern und unterdrückt unser Mitspracherecht. Die interviewten „Kritiker“ kommen, wie gesagt, fast alle aus der Tech-Branche. Einer war mal Risikokapitalgeber von Facebook, der sich nun, da er Milliardär ist, als Facebook-Kritiker aufspielt. Diese Männer müssen der Dramaturgie des Films dankbar sein. Sie stellt nämlich die von ihnen entwickelten Technologien als Mordinstrumente dar, aber befreit sie zugleich von jedem Vorwurf und installiert sie sogar noch als neue kritische Front im Kampf gegen die Tech-Konzerne.

Einer unserer Retter!

Wie dieser Kampf in den Augen der Tech-Branche aussieht, zeigt der Film am Ende. Da schlagen die Männer staatliche Regulierungen vor. Ja, wirklich, die Tech-Branche schlägt Regulierungen für sich selbst vor. Am besten noch ausgearbeitet von Mark Zuckerberg (Facebook), Jeff Bezos (Amazon), Tim Cook (Apple), Sundar Pichai (Google) und Satya Nadella (Microsoft).

Diese Namen lässt der Film brav aus, denn laut Film sind ja die außer Kontrolle geratenen Technologien schuld. Ach, und der Überwachungskapitalismus. Der Film tut so, als kritisiere er die Mechanismen des Überwachungskapitalismus. Dabei naturalisiert er sie nur. Brutalste Gewinnmaximierung ist aus Sicht des Films genauso unausweichlich wie das Wetter. Die armen Milliardenkonzerne können doch nicht anders, sie sind zum Geldverdienen verdammt! Eine richtige Kritik würde die Namen der Verantwortlichen nennen und ihre Haftbarmachung verlangen.

Es gibt viele Kritikerinnen der Tech-Branche, die nicht zur Tech-Branche gehören. The Social Dilemma lässt kaum eine zu Wort kommen. Damit macht der Film deutlich, wer kritisieren darf und wer nicht (wir nicht). Was den Rahmen beschränkt, in dem Kritik an der Tech-Branche möglich ist (kaum). Und den Rahmen, in dem über Lösungen nachgedacht werden kann (nur die Tech-Branche kann über Lösungen nachdenken).

Unser Nachdenken über Technologien soll sich aufs Private beschränken. Die Insider geben zum Schluss Tipps wie „Notifications abstellen“, „Smartphone nicht mit ins Schlafzimmer nehmen“ und „Kindern erst ab einem bestimmten Alter ein Smartphone erlauben“.

Vorschläge wie „Werbeverbot auf Sozialen Medien“ oder „Verbot von Milliardenvermögen“ kratzt der Film nicht an. Das wäre nämlich keine konstruktive Kritik, wie sie Computerphilosoph Jaron Lanier im Film fordert. Für ihn sind Kritiker „Antrieb zur Verbesserung“. Übersetzt bedeutet das: Kritik ja, aber bitte nur konstruktiv. Dasselbe haben wir schon in der Schule gelernt, wo destruktive Kritik und Negation schlechte Noten bringen. Konstruktive Kritik ist systemfreundliche Kritik, die dafür sorgt, dass alles bleibt wie es ist.

Seine Abneigung gegenüber der Systemkritik zeigt The Social Dilemma auch in seiner Darstellung von Politisierung und Radikalisierung. Die mit Gruselmusik unterlegten Demonstrationsvideos stellen Demonstrationen an sich als Gefahr für die Demokratie dar. So unterscheidet der Film auch nicht zwischen Neonazis und Linken. Auch in den Spielfilmszenen wird Politisierung als Horrorfilm inszeniert, denn für The Social Dilemma gibt es nichts Gruseligeres als einen Teenager, der sich mehr für Politik interessiert als für Fußball. Der Film mag keine Politik. Wir sollen zuhause bleiben, bei unseren neoliberal gecasteten Familien, in unseren schönen Häusern, und die ganze Zeit Netflix schauen. Die Tech-Konzerne werden sich um alles kümmern.

Mit Maggi macht das Kochen Spaß!

The Social Dilemma ist ein Lehrstück dafür, wie die Tech-Konzerne die öffentliche Diskussion über ihre Technologien bestimmen. Diese Technologien durchdringen uns dermaßen, dass es schwer fällt, eine Welt ohne sie zu denken. Wir stehen im berühmten Wald, den wir vor Bäumen nicht sehen. In diesem Wald ist The Social Dilemma eine Falle, die uns mit einer Schlinge am Bein kopfüber nach oben zieht. So hängend sollen wir warten, bis die Tech-Branche uns rettet. Aber das wird sie nicht, denn genau so wehrlos will sie uns.

Wir haben das Recht, die Technologie, die uns infiltriert, auf einer Basis zu kritisieren, die wir selbst festlegen. The Social Dilemma will uns dieses Recht ausreden, damit wir nicht auf die Idee kommen, den Wald abzufackeln.