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I’m Thinking Of Ending Things (2020)

In einer Zeit, als der neue Film von Super-Regisseur XY noch nicht standardmäßig auf einer Streaming-Plattform mülldeponiert wurde, sondern im Kino lief, wäre ein neuer quengeliger Charlie Kaufman-Film das zentrale Gesprächsthema in geisteswissenschaftlichen Lesekreisen gewesen. Diese Zeit ist aber um und so greift der Film in seinem verbitterten Kampf gegen die Kunstfeindlichkeit von Netflix zu pompösen Mitteln. Mit dem quadratischen 1,33:1-Format rebelliert er gegen die Widescreen-Monitore des Publikums und das Sound-Design ballert Schneeflocken wie Kanonenkugeln gegen die Windschutzscheibe, damit sich alle ärgern, die den Film mit der Soundausgabe ihres Laptops schauen. Im Glauben, das Publikum damit zu ungeteilter Aufmerksamkeit zu verführen, greift der Film außerdem tief in eine Wundertüte verwirrender Süßigkeiten: überlappende Dialoge, abgebrochene Voice-Over-Monologe, abrupte Schnitte, Positionswechsel, Identitätswechsel, Genrewechsel, Zeitsprünge, Alternativ-Gegenwarten, Alternativ-Schauspieler und zahlreiche Referenzen an Autoren, Bücher, Filme und Brandaktuelles.

In diesem hübschen Gefunkel laufen nun Figuren herum, die im Verhältnis zu all dem eher gewöhnlich wirken. Da ist eine junge Frau (Jessie Buckley), die nach acht Wochen Beziehung mit einem kontrollsüchtigen, cholerischen Mann darüber nachgrübelt, ob sie noch weiter mit ihm zusammen sein will (Antwort: Nein). Und da ist dieser umgrübelte junge Mann (Jesse Plemons), der sich noch als Erwachsener die Anerkennung seiner früheren Schulkameraden wünscht. Zusammen besuchen sie seine Eltern, über deren undefinierte Art seltsam zu sein es nichts weiter zu sagen gibt außer genau das, und fahren am selben Abend wieder zurück. Auf der Rückfahrt führen sie Gespräche, die nicht gerade Szenen einer Ehe (1973) sind, die aber durch den ständigen Einsatz des oben aufgezählten Süßkrams ein angenehmes Unbehagen aufrecht halten, bis sie schließlich einen Abstecher in seine alte Schule machen, wo wir den Beiden noch eine Weile beim Herumlaufen durch die Flure zusehen und sich die filmischen Verwirrspiele zu einem furiosen Finale steigern und irgendwann in ein offenes Ende verpuffen.

Die höchste Unterhaltungspflicht des Films scheint zu sein, das Publikum die ganze Zeit im Unklaren darüber zu lassen, ob das Gesehene gerade Wahrheit oder Realität ist. Durch genau diese Unklarheit soll uns nämlich irgendwann aufgehen, dass die Erzählung dieses Films genauso unzuverlässig ist wie die, die wir uns selbst jeden Tag erzählen. Verblüfft sollen wir nun das Dilemma unserer Existenz darin erkennen, dass wir für immer und ewig Mittelpunkt unserer eigenen Erzählung sind, so langweilig und deprimierend diese auch sein mag. Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis verwandelt der Film gewöhnliche Menschen in Filmhelden, indem er ihre eigenen Erzählungen auf sie hetzt. Das ist an sich nett zu schauen, aber es drückt auch eine gewisse Verachtung für jenen Menschen aus, der kein Filmheld, der also nicht Mittelpunkt einer großen Erzählung ist. Der Film ist nicht gewillt, diesen gewöhnlichen, langweiligen Alltagsmenschen anzuschauen oder ihm zuzuhören, er erkennt nicht mal seinen Namen an, er schließt ihn aus und ersetzt ihn irgendwann sogar in einer Tanzeinlage durch eine hübschere, begabtere Version von sich selbst. Der Film unterwirft den Alltagsmenschen einer brutalen und ausweglosen Unterhaltungsmaschine. Wenn das eine kulturpessimistische Perspektive ist, dann hat Netflix diese nun gegessen und wartet auf Nachschub vom nächsten Super-Regisseur XY.