The Revenant

The Revenant

Alle sprechen über die Bärenszene in The Revenant. Ich fand sie auch bemerkenswert, aber nicht wegen des Bären. Der ist eigentlich ganz süß, wie aus einem Pixar-Film. Als „visceral“ (ein Wort, das in fast jeder The Revenant-Kritik zu lesen ist und das so viel bedeutet wie „sich in die Eingeweide fressend“) empfand ich die Szene nicht. Ich fand sie bemerkenswert, weil sie intim wirkte. Intim auf eine Art, wie ich es sonst nur aus Exploitationfilmen oder Pornos kenne, mit einer Kamera, die sehr nah dran ist am gequälten oder geilen Gesicht während des Cumshots oder der Vergewaltigungsszene. In der zweiten Filmhälfte gibt es dann eine richtige Vergewaltigung. Eine Pawnee-Indianerin wird vergewaltigt, die zu diesem Zweck von einer Horde Trapper gefangen gehalten wird. Als ich darüber nachdachte (ich hatte während des Films viel Zeit zum Nachdenken), fiel mir auf, dass diese Frau eigentlich eine Spiegelung von DiCaprios Charakter ist. Auch sie ist auf sich allein gestellt, auch sie ist reduziert auf ihren Körper, auch sie sinnt auf Rache. Und mir fiel auf, dass diese Szene der einzige zweischneidige Moment in einem ansonsten überhaupt nicht zweischneidigem Film ist. Denn bis vor Kurzem war DiCaprio selbst noch einer dieser Trapper, und mit hoher Wahrscheinlichkeit hat er selbst ein paar Indianerfrauen vergewaltigt. Er hatte einen Sohn von einer Pawnee. Hatte, denn dieser Sohn ist jetzt tot, ermordet von Trapper-Kollegen, an denen sich DiCaprio nun rächen möchte. Diese Vater-Sohn-Geschichte hat Iñárritu zu der Legende, auf der The Revenant beruht, hinzu erfunden. Irgendwie scheinen heutige Filmemacher besessen zu sein vom Warum (siehe auch Gravity), obwohl dieses Warum weder dramaturgisch nötig wäre, noch „charakterliche Tiefe“ schafft. Es wird dadurch lediglich leichter, sich auf DiCaprios Seite zu stellen, denn er wirkt wie „ein Guter“, wie ein Vater, der seinen Sohn rächen will, nicht wie ein zorniger indianerunterdrückender vergewaltigender Wilder, der einfach nur sauer auf die Typen ist, die ihn lebendig begraben in der Wildnis zurück ließen. Dass er wie ein Guter wirkt, war wahrscheinlich nötig, weil die DiCaprio die Rolle sonst nicht übernommen hätte, und ohne DiCaprio kein grünes Licht. Und es macht es leichter, den Film zu genießen, denn The Revenant feiert die Männlichkeit. Darum geht es eigentlich. Der Film ist ein Schmerzfest, er ist Ausdruck des männlichen Dranges, Schmerz zu romantisieren. DiCaprios Haut und Lippen sind von der trockenen Kälte zerfressen, die Haare zerfilzt, auf seiner Stirn liegen Falten der Anstrengung und sein Weihnachtsmannbart krümmt sich vor Schmerz. Emmanuel Lubezkis Weitwinkelkamera sucht zwischen Schauspielern und Natur etwas, das es in Vorbildfilmen wie Dersu Uzala, The Letter Never Sent oder Essential Killing gab, und die Musik behauptet ernst und basslastig, dass da irgendetwas Tiefes, Existenzielles vor sich geht, aber in Wahrheit ist The Revenant nur die oscarprämierte Version dieser albernen Survival-Reality-Serien auf DMAX, in der raustimmig synchronisierte „Survival-Experten“ Schnecken essen. Die Werbung hat fleißig betont, wie hart die Dreharbeiten an den echten Locations waren. In Wahrheit war es einfach nur kalt und alle trugen dicke Jacken.

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