Lost River

Lost River

Die Aufnahmen einer verlassenen verwilderten teilweise gefluteten Stadt namens Lost River haben etwas Nostalgisches, besonders in Verbindung mit den Neonfarben und der Synthesizer-Musik, zum Beispiel wenn die verträumte Saoirse Ronan auf einem neonviolettem Xylophon spielt. Diese Achtziger-Nostalgie hat vielleicht etwas damit zu tun, dass Technik in den Achtzigern noch etwas Unschuldiges hatte, wohingegen heute jedes Gerät eine Gefahr (zum Beispiel ein Spionagegerät) sein könnte. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Handys und Computer in Lost River völlig fehlen, stattdessen gibt es Relikte aus der vordigitalen Zeit, zum Beispiel einen Filmprojektor. Lost River ist aber nicht nostalgisch oder schwelgerisch, er handelt von Figuren, die sich der unbesiegbaren Kräfte, die sie aus ihrem Zuhause vertreiben wollen, gewahr sind. Sie glauben, den Fluch, der auf der Stadt liegt, brechen zu können, indem sie ein Steinmonster in einem versunkenen Vergügungspark besiegen. Das erinnerte mich nicht an die Filme von Noé, Refn, Lynch oder von wem auch immer Ryan Gosling laut Filmkritikern geklaut haben soll, sondern an Kinderabenteuerfilme wie E.T., Explorers, Die Goonies, Time Bandits oder Pan’s Labyrinth, in denen es auch immer darum geht, der Situation, die einen gefangen hält, zu entfliehen und die Wahrheiten der Welt mit der Kraft der Fantasie in etwas Bedeutsames zu verwandeln. Diese Aufnahmen des Verfalls und der Isolation sind nicht rein nostalgisch oder trostlos, von ihnen geht auch ein besonderer Reiz aus, den nur alte Ruinen oder postapokalyptische Zukunftsvisionen haben. Auf solchen Orten liegt ein Zauberbann, und ich rede nicht von einem touristisch ausgeschlachteten Kolosseum oder so, sondern von stillgelegten Bahnhöfen, leerstehenden Fabrikhallen, Krankenhäusern oder eben von den menschenleeren Straßenzügen Detroits. Wer solche Orte betritt, fühlt ein Kribbeln – das sind die Geister der Vergangenheit. Vielleicht sind die Figuren in Lost River auch alles Geister? Lost River handelt von den Gefangenen eines übermächtigen Systems, von den Opfern der Immobilenkrise. Der Film interessiert sich aber nicht für soziopolitische Details, eher für emotionale Landschaften und für das Recht darauf, wütend zu sein auf jene abstrakten Kräfte, die höchstens in Form eines blutrot auf die Hauswand gesprühten „D“ für Destruct in Erscheinung treten. Deshalb haben diese Aufnahmen immer auch etwas Wütendes, etwas Befreiendes. Ihr könnt unsere Häuser abreißen, ihr könnt uns unterdrücken, ihr könnt uns in den Projects übereinander stapeln, ihr könnt den schlimmsten existenziellen Druck auf uns ausüben, aber unsere Seelen bekommt ihr nicht. Die Gewalt in Lost River ist fast immer psychologisch. Im Keller des Nachtclubs, in dem Christina Hendricks gezwungenermaßen arbeiten muss, um für sich und ihre Kinder sorgen zu können, steht eine durchsichtige Schale in Form eines Frauenkörpers. Hier zwängt sie sich rein, die Schale wird verschlossen und jetzt können zahlende Männer mit ihr machen, was sie wollen, ohne Körperkontakt. Diese Schale ist zwar durchsichtig, aber sie ist auch leicht milchig, das heißt, Frau und Mann sind anonym. So ein Szenario wäre leicht aufs Fürchterlichste auszubeuten, aber Ryan Gosling vertraut auf die Vorstellungskraft des Publikums. Sowieso ist der Film sehr formbewusst erzählt, immer visuell, null Exposition und er hält sich an William Goldmans heiliges Drehbuchmantra, so spät wie möglich in eine Szene rein zu gehen und so früh wie möglich wieder raus.

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