The Reef (2010)

The Reef ist Haihorror. Mit Menschen. Im Ozean. Auf einem Boot. Das gegen ein Riff fährt. Also müssen sie schwimmen. Im Ozean. Umgeben von Haien. Alle fünf Minuten hört einer von ihnen einen Wasserspritzer. Und sofort drehen alle durch. „Oh my god, what was that? Please tell me it wasn’t a shark? OH MY GOOD!!!!!! AHHHH!!“ Und sie schreien und plantschen wild im Wasser. Und natürlich ist das dumm, weil wer im Ozean schreit und plantscht, sieht von unten aus wie ein verwundetes Tier. Das lockt mindestens einen Hai an und der macht wahrscheinlich einen Testbiss. Aber Menschen haben keinen Nährwert, also spuckt der Hai das Bein wieder aus und schwimmt weg. Das aus dem Beinstummel laufende Blut lockt weitere Haie an. Die machen ebenfalls einen Testbiss. Und das führt früher oder später zum Tod. Also, wer im Ozean herum schwimmt und einen Hai sieht: nicht verrückt werden, einfach weiter schwimmen, ruhig, ohne zu spritzen, und alles wird gut. Wobei, verschollen im Ozean, ohne Floß oder ähnliches, stirbt man ziemlich sicher, aber nicht durch Haie, sondern durch Langweiligkeiten wie Muskelkrämpfe, Dehydrierung und Unterkühlung. Überhaupt: Verglichen mit der Masse an Haien, die von Menschen getötet werden, ist die Anzahl von Menschen, die durch Haie getötet werden, mikroskopisch. Ich sage all das nicht, weil ich den Film kritisieren möchte, oder das „Sharksploitation“-Genre generell. Das wäre albern. Ich bin nur fasziniert vom Drang dieser Filme, das Böse in der Natur zu suchen. Die Natur kann nicht böse sein, noch kann sie gut sein, oder gleichgültig. Die Natur hat überhaupt nichts mit uns zu tun. Dieses „Uns“ existiert überhaupt nicht. Es ist wie Polanski in Der Mieter sagt: Wenn ein Hai dein Bein abbeißt, sagst du, „Oh nein, mein Bein“. Aber wenn ein Hai deinen Kopf abbeißt, sagst du dann, „Oh nein, mein Kopf“, oder „Oh nein, mein Körper“? Dieser Körper gehört nicht „uns“, er gehört genauso zur Natur wie der Ozean zur Natur gehört. Er existiert unabhängig vom Besitzanspruch, den wir auf unseren Körper erheben. Somit entsprechen Leben und Tod nicht der Bedeutung, die wir ihnen zuschreiben. Ein Tier stirbt einfach, ohne Bullshit, aber Menschen können das nicht. Also werden sie religiös und bauen Grabsteine, die dem Leben der Toten Gewicht geben sollen. Oder sie schauen Haifilme. Weil getötet zu werden von einem Hai ist viel besser als an Krebs zu sterben, oder an Durchfall, oder an Grippe, oder weil man einfach alt ist, oder weil man sich die Schläfe am Regal stößt, oder an irgendeinem anderen Scheiß. Ein Haiopfer stirbt spektakulär. Es ist eine Legende unter seinen Nachfahren. „Weißt du, dein Onkel Peter, der ist an einem Haiangriff gestorben!“ – „Boah, wirklich???“ Die Chancen stehen gut, dass jemand einen Film über Onkel Peter drehen wird, einen Film wie The Reef, based on true events. Und dann ist Onkel Peter eine Art Star. Darum drehen sich all diese Haifilme, um den Wunsch nach einem spektakulären bedeutsamen Tod.

The Birds (1963)

Ich kann The Birds immer wieder schauen, ohne jedes Mal den gleichen Film zu sehen. Besonders gut gefällen mir die ersten 120 Minuten. Ich mag, dass die Geschichte keine Metaphorik besitzt. Zombies lassen sich zum Beispiel als Spiegel der Konsumgesellschaft oder so etwas deuten, was bestimmt legitim ist, aber für mich als Horrorfan uninteressant. Vor einer Metapher fürchte ich mich nicht, vor tausend Killervögeln schon. Sicherlich lässt sich viel in diese Vögel hineindeuten. Immerhin wird das Verhältnis zwischen Menschen und Vögeln umgedreht: Die in ihren Häusern verbarrikadierten Menschen sind wie Vögel in Käfigen. Aber in erster Linie sind die Vögel einfach böse, und nicht Überbringer langweiliger Botschaften wie „Die Menschen müssen besser mit der Natur umgehen.“ Spaßig finde ich die Vorstellung, dass die bösen Vögel Ausdruck von Mitchs eifersüchtiger Mutter sind, die ihren Sohn für sich behalten und Tippi Hedren die Augen auskratzen will. Am Ende ist Tippi kaputt gehackt, traumatisiert, ihre Schönheit und Stärke zerstört. Für Mitchs Mutter ist sie jetzt keine Konkurrenz mehr, und so nimmt sie sie in die Arme, und die Vögel sind nur noch eine stille Drohung, aber jederzeit zuhackbereit. Die Beziehung zwischen Mitch und seiner Mutter hat etwas Inszestiöses. Er nennt sie Darling. Wird eigentlich mal gesagt, wer genau die Eltern der kleinen Cathy sind? Ist sie vielleicht ein Inszestkind? Vielleicht wird das in einem der Dialoge erwähnt, aber ich hörte da selten richtig zu. Die Dialogszenen sind dröge, aber dazu sind sie da: sie verlangsamen den Film, damit die Vogelangriffe aggressiver wirken. Am besten gefallen mir die stummen Szenen, besonders wenn sich Tippi Hedren am Anfang im Boot vor Mitch versteckt, oder wenn die Vögel am Ende das Haus belagern und Tippi Hedren sich auf der Couch zusammen kauert – ein schauerlicher Moment. Die Vogelangriffe selbst machen nichts mit mir, außer der am Ende auf Tippi Hedren, der hat eine garstige Energie. Ich bin kein großer Fan des Films, aber Hitchcocks unheimliches Formbewusstsein sorgt dafür, dass ich mich hin und wieder zu dem Film hingezogen fühle und meine Augen keine Sekunde abwenden kann.

The Revenant

Alle sprechen über die Bärenszene in The Revenant. Ich fand sie auch bemerkenswert, aber nicht wegen des Bären. Der ist eigentlich ganz süß, wie aus einem Pixar-Film. Als „visceral“ (ein Wort, das in fast jeder The Revenant-Kritik zu lesen ist und das so viel bedeutet wie „sich in die Eingeweide fressend“) empfand ich die Szene nicht. Ich fand sie bemerkenswert, weil sie intim wirkte. Intim auf eine Art, wie ich es sonst nur aus Exploitationfilmen oder Pornos kenne, mit einer Kamera, die sehr nah dran ist am gequälten oder geilen Gesicht während des Cumshots oder der Vergewaltigungsszene. In der zweiten Filmhälfte gibt es dann eine richtige Vergewaltigung. Eine Pawnee-Indianerin wird vergewaltigt, die zu diesem Zweck von einer Horde Trapper gefangen gehalten wird. Als ich darüber nachdachte (ich hatte während des Films viel Zeit zum Nachdenken), fiel mir auf, dass diese Frau eigentlich eine Spiegelung von DiCaprios Charakter ist. Auch sie ist auf sich allein gestellt, auch sie ist reduziert auf ihren Körper, auch sie sinnt auf Rache. Und mir fiel auf, dass diese Szene der einzige zweischneidige Moment in einem ansonsten überhaupt nicht zweischneidigem Film ist. Denn bis vor Kurzem war DiCaprio selbst noch einer dieser Trapper, und mit hoher Wahrscheinlichkeit hat er selbst ein paar Indianerfrauen vergewaltigt. Er hatte einen Sohn von einer Pawnee. Hatte, denn dieser Sohn ist jetzt tot, ermordet von Trapper-Kollegen, an denen sich DiCaprio nun rächen möchte. Diese Vater-Sohn-Geschichte hat Iñárritu zu der Legende, auf der The Revenant beruht, hinzu erfunden. Irgendwie scheinen heutige Filmemacher besessen zu sein vom Warum (siehe auch Gravity), obwohl dieses Warum weder dramaturgisch nötig wäre, noch „charakterliche Tiefe“ schafft. Es wird dadurch lediglich leichter, sich auf DiCaprios Seite zu stellen, denn er wirkt wie „ein Guter“, wie ein Vater, der seinen Sohn rächen will, nicht wie ein zorniger indianerunterdrückender vergewaltigender Wilder, der einfach nur sauer auf die Typen ist, die ihn lebendig begraben in der Wildnis zurück ließen. Dass er wie ein Guter wirkt, war wahrscheinlich nötig, weil die DiCaprio die Rolle sonst nicht übernommen hätte, und ohne DiCaprio kein grünes Licht. Und es macht es leichter, den Film zu genießen, denn The Revenant feiert die Männlichkeit. Darum geht es eigentlich. Der Film ist ein Schmerzfest, er ist Ausdruck des männlichen Dranges, Schmerz zu romantisieren. DiCaprios Haut und Lippen sind von der trockenen Kälte zerfressen, die Haare zerfilzt, auf seiner Stirn liegen Falten der Anstrengung und sein Weihnachtsmannbart krümmt sich vor Schmerz. Emmanuel Lubezkis Weitwinkelkamera sucht zwischen Schauspielern und Natur etwas, das es in Vorbildfilmen wie Dersu Uzala, The Letter Never Sent oder Essential Killing gab, und die Musik behauptet ernst und basslastig, dass da irgendetwas Tiefes, Existenzielles vor sich geht, aber in Wahrheit ist The Revenant nur die oscarprämierte Version dieser albernen Survival-Reality-Serien auf DMAX, in der raustimmig synchronisierte „Survival-Experten“ Schnecken essen. Die Werbung hat fleißig betont, wie hart die Dreharbeiten an den echten Locations waren. In Wahrheit war es einfach nur kalt und alle trugen dicke Jacken.

Star Wars: The Force Awakens

Der Film endet, sobald er interessant wird. Kylo Ren, der Bösewicht, hat gerade seinen Vater getötet, und er wurde von einer Frau, die nicht mal ein richtiger Jedi ist, im Lichtschwertkampf besiegt. Jetzt ist er sauer, die dunkle Seite hat ihn, und er kann endlich der neue Darth Vader sein, Greueltaten begehen und die Helden des Films (Finn, Rey, Leia und Luke) bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten treiben. Ich verließ das Kino mit einem Triumphgefühl: „Der nächste Film wird richtig gut!“ Also genau die Wirkung, die der Film haben soll. Denn Star Wars ist im Grunde ein einziges gigantisches Versprechen, demnach sich vor langer Zeit irgendwelche mitreißenden Geschichten in einer weit, weit entfernten Galaxis abgespielt haben sollen. Geschichten, die nie wirklich erzählt wurden, sondern immer nur vorbereitet. Und auch Star Wars 7 bereitet nur vor. Und auch die nächsten 26 Filme werden immer nur vorbereiten. Disney will jedes Jahr einen neuen Star Wars-Film ins Kino bringen, und zwar für immer, und „für immer“ heißt: bis zu einem sehr peinlichen Ende, das an die achte Staffel einer Serie erinnert, die zu Beginn alle toll fanden, aber am Ende merkten auch die Dööfsten, dass sie die ganze Zeit verarscht wurden. Und dann werden Blogger analysieren, warum das Ganze eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Ich will mal einen Star Wars-Film sehen, der eine große geschlossene Geschichte erzählt, wie Lawrence von Arabien, nur im Weltraum. Aber so ein geschlossener Film wäre kein Star Wars mehr. Star Wars ist der Inbegriff des Hype. Eine geschlossene Geschichte würde den Hype beenden und dann könnte Disney nicht mehr die Fantasie der Kinder zu Geld machen, mit Spielzeugen, Schulsachen, Happy Meals usw. Insofern ist Star Wars 7 perfekt.

Love

Alle Kameraeinstellungen in Love werden durch kurze Schwarzbilder voneinander getrennt. So will jede Aufnahme für sich betrachtet werden, in Abgrenzung zu allen anderen, als schaue man eine Diashow. Das ist ein reizvolles filmisches Konzept, besonders wegen der vielen Sexszenen. Aber leider ist nichts Reizvolles in diesen Aufnahmen. Ich hatte mir etwas im Stil der Filmplakate erhofft: extreme Nahaufnahmen aller erogenen Zonen beim Sex, sich leckende Zungen, Speichelfäden, hart werdende Nippel – der erregte Körper als Landschaft, in 3D mit detaillierten Geräuschen. All das ist Love nicht. Stattdessen ist Love der innere Monolog eines Mannes, der deprimiert in seiner Wohnung sitzt und sich an die letzten paar Jahre seines Lebens erinnert, die bestimmt waren von Sex, Party und Rausch, und die ihm nichts gebracht haben außer einem Platzkondomkind und einer Frau, die er nicht liebt. Es ist ein ziemliches Gezeter über Sex als Selbstzerstörung. Dazu passend gibt es viele Sexszenen, in denen die Kamera die Darsteller auf ihren Betten einsperrt mit ewig gehaltenen Aufnahmen, mechanischen Darstellern, ohne Lust oder Rausch. Ich fand das weder interessant zu schauen, noch regte sich was in meiner Hose, mir wurden einfach die Augenlider schwer.

Junun

Jonny Greenwood ist nach Indien geflogen, um sein neues Album Junun aufzunehmen. Paul Thomas Anderson hat den Prozess gefilmt. Bei diesem Album spielen viele zusammen: E-Gitarren, Beatprogramme, Flöten, Trompeten, Trommeln, meditative Gesänge, ein Harmonium und andere. Aufgenommen wird in einer Festung. Die Musiker tragen respektvolle Kleidung. Die Kamera schwenkt und fokussiert zwischen den Musikern hin und her. Ein Mal stellt Anderson die Kamera um und alles wackelt. Jeder andere hätte das raus geschnitten, aber er will die Musik nicht unterbrechen, er will dabei bleiben und gespannt lauschen. Anderson ist in diesen Aufnahmen immer präsent, wie er die Kamera bewegt, wie er den Fokus verschiebt oder wie er das Sonnenlicht sich auf der Linse brechen lässt. Er sucht etwas, vermutlich sucht er nach Schönheit. Wie er danach sucht, kann man in Junun beobachten. Das ist zum einen interessant, weil dies ein Digitalfilm von jemandem ist, für den die Schönheit des Films mit dem Filmstreifen einher geht. Ich weiß nicht, wie viel in Junun farbkorrigiert wurde, aber es sieht nicht nach viel aus. Die Aufnahmen sind nicht so klinisch wie die der meisten Digitalfilme. In mathematischer Perfektion liegt für Anderson keine Schönheit. Seine Schwenks sind unsauber, sein Fokus ist off. Zum anderen ist dieser suchende Blick auch deshalb interessant, weil er auf Musiker gerichtet ist, die selbst nach etwas in ihrer Musik suchen und auch dieses Etwas ist ein Geheimnis, das sich weder in Worte fassen, noch filmen lässt. Die Musik ist irgendwie magnetisch, die Melodien gehen ins Ohr, der Klang ist wie ein Teppich, auf den man spontan drei Stunden liegen bleibt. Besonders faszinierte mich die Aufnahme aus dem obigen Screenshot. Die Sängerin ist sehr konzentriert und doch scheint etwas von ihr Besitz ergriffen zu haben, das dafür sorgt, dass sich ihre Gesichtszüge unkontrolliert bewegen (eine Folge der komplexen Muskelanspannungen beim Singen). Und die Art, wie diese Gesangseinlage gefilmt ist (Jonny Greenwoods Flöte im Vordergrund, dann wird in den Hintergrund fokussiert, wo die Sängerin zu singen beginnt) – das ist einer dieser schönen Filmmomente, nach denen Anderson sucht: geheimnisvoll, rhythmisch, intim und irgendwie außer Kontrolle.

Fack Ju Göhte

Liebe Kinder, wollt ihr später mal Abschaum sein? Nein? Dann schnell auf eure Plätze! Denn ein guter Mensch ist nur, wer Geld verdient. Und Geld verdient nur, wer einen Job hat. Und einen Job hat nur, wer in der Schule gute Noten kriegt. Und gute Noten kriegt nur, wer in der Schule fleißig ist. Diesem Film nach ist Bildung nicht dazu da, Kinder geistig zu fördern oder sie neugierig zu machen auf die Wunder der Welt. Diesem Film nach ist Bildung dazu da, sich später als Erwachsener ganz viele Pick Ups leisten zu können (an Snack-Automaten, die nur Pick Ups haben). Diesem Film nach ist jeder Mensch, der keinen Job hat, Abschaum. Das ist eine Lektion, die Elyas M’Barek seinen Schülern beibringt, indem er mit ihnen Hartz IV-Wohnungen besichtigt, die alle nach Hundekacke stinken, weil Arbeitslose zu faul sind, mit dem Hund Gassi zu gehen. Liebe Kinder, so eklig wird man, wenn man keinen Job hat. Unser Bildungssystem beruht auf der Angst vor Ausgrenzung. Zum Glück sind echte Kinder nicht so idiotisch wie die in diesem Film. Der Film hat auch ein paar gute Tipps für Frauen: Liebe Frauen, schminkt euch, tragt High Heels und enge kurze Kleider! Dann wird für euch alles super. Esst nicht so viel, fügt euch dem Schönheitsideal und nehmt, wenn er euch angeboten wird, den Schwanz in den Mund! Oder seid ihr etwa verklemmt? Und nehmt eure Brille ab! Mädchen mit Brille sind scheiße. Deutsche Komödienschreiber lieben riesige Hornbrillen. Keine Frau würde sie jemals tragen, aber in deutschen Komödien (und Pornos) kennzeichnen sie die Entwicklung der Frau von hässlich/verklemmt zu hübsch/willig. Andere Persönlichkeitsmerkmale gibt es bei Frauen nicht. Zum Glück sagt das weniger über Frauen aus als über die deutschen Komödienschreiber. Mehrmals manipuliert Elyas M’Barek arglose Frauen, indem er ihnen etwas in den Drink schüttet. Aber das muss man diesem heißen Typen eben durchgehen lassen, und überhaupt sollen sich die Frauen mal nicht so haben. Nachdem er Karoline Herfurth KO-Tropfen in den Tee geschüttet hat, um an ihrem Computer ein gefälschtes Dokument auszudrucken, sagt sie „Du hast mich sexuell ausgenutzt!“ Als er daraufhin sagt, dass er sie nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde, ist sie enttäuscht. Enttäuscht, weil er sie nicht vergewaltigt hat. Das ist dieser freche Fack Ju Göhte-Humor, den deutsche Kinobesucher lieben. Darüber hinaus ist der Film zu 50 Prozent mit Ballermannmusik unterlegt. Wie soll ich jetzt zu all denen stehen, die mir diesen Film als „guten deutschen Film, der gefällt dir bestimmt“ empfohlen haben?

Lost River

Die Aufnahmen einer verlassenen verwilderten teilweise gefluteten Stadt namens Lost River haben etwas Nostalgisches, besonders in Verbindung mit den Neonfarben und der Synthesizer-Musik, zum Beispiel wenn die verträumte Saoirse Ronan auf einem neonviolettem Xylophon spielt. Diese Achtziger-Nostalgie hat vielleicht etwas damit zu tun, dass Technik in den Achtzigern noch etwas Unschuldiges hatte, wohingegen heute jedes Gerät eine Gefahr (zum Beispiel ein Spionagegerät) sein könnte. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Handys und Computer in Lost River völlig fehlen, stattdessen gibt es Relikte aus der vordigitalen Zeit, zum Beispiel einen Filmprojektor. Lost River ist aber nicht nostalgisch oder schwelgerisch, er handelt von Figuren, die sich der unbesiegbaren Kräfte, die sie aus ihrem Zuhause vertreiben wollen, gewahr sind. Sie glauben, den Fluch, der auf der Stadt liegt, brechen zu können, indem sie ein Steinmonster in einem versunkenen Vergügungspark besiegen. Das erinnerte mich nicht an die Filme von Noé, Refn, Lynch oder von wem auch immer Ryan Gosling laut Filmkritikern geklaut haben soll, sondern an Kinderabenteuerfilme wie E.T., Explorers, Die Goonies, Time Bandits oder Pan’s Labyrinth, in denen es auch immer darum geht, der Situation, die einen gefangen hält, zu entfliehen und die Wahrheiten der Welt mit der Kraft der Fantasie in etwas Bedeutsames zu verwandeln. Diese Aufnahmen des Verfalls und der Isolation sind nicht rein nostalgisch oder trostlos, von ihnen geht auch ein besonderer Reiz aus, den nur alte Ruinen oder postapokalyptische Zukunftsvisionen haben. Auf solchen Orten liegt ein Zauberbann, und ich rede nicht von einem touristisch ausgeschlachteten Kolosseum oder so, sondern von stillgelegten Bahnhöfen, leerstehenden Fabrikhallen, Krankenhäusern oder eben von den menschenleeren Straßenzügen Detroits. Wer solche Orte betritt, fühlt ein Kribbeln – das sind die Geister der Vergangenheit. Vielleicht sind die Figuren in Lost River auch alles Geister? Lost River handelt von den Gefangenen eines übermächtigen Systems, von den Opfern der Immobilenkrise. Der Film interessiert sich aber nicht für soziopolitische Details, eher für emotionale Landschaften und für das Recht darauf, wütend zu sein auf jene abstrakten Kräfte, die höchstens in Form eines blutrot auf die Hauswand gesprühten „D“ für Destruct in Erscheinung treten. Deshalb haben diese Aufnahmen immer auch etwas Wütendes, etwas Befreiendes. Ihr könnt unsere Häuser abreißen, ihr könnt uns unterdrücken, ihr könnt uns in den Projects übereinander stapeln, ihr könnt den schlimmsten existenziellen Druck auf uns ausüben, aber unsere Seelen bekommt ihr nicht. Die Gewalt in Lost River ist fast immer psychologisch. Im Keller des Nachtclubs, in dem Christina Hendricks gezwungenermaßen arbeiten muss, um für sich und ihre Kinder sorgen zu können, steht eine durchsichtige Schale in Form eines Frauenkörpers. Hier zwängt sie sich rein, die Schale wird verschlossen und jetzt können zahlende Männer mit ihr machen, was sie wollen, ohne Körperkontakt. Diese Schale ist zwar durchsichtig, aber sie ist auch leicht milchig, das heißt, Frau und Mann sind anonym. So ein Szenario wäre leicht aufs Fürchterlichste auszubeuten, aber Ryan Gosling vertraut auf die Vorstellungskraft des Publikums. Sowieso ist der Film sehr formbewusst erzählt, immer visuell, null Exposition und er hält sich an William Goldmans heiliges Drehbuchmantra, so spät wie möglich in eine Szene rein zu gehen und so früh wie möglich wieder raus.

Was ist das hier jetzt?

lugula ist jetzt ein persönlicher Blog, in dem ich unregelmäßig meine Gedanken zu bestimmten Filmen veröffentlichen werde, meist knapp formuliert, abgetippt aus meinem Notizbuch. Das sind keine Kritiken, Rezensionen, Beschreibungen, Analysen, nur persönliche Beobachtungen, oft widersprüchlich, abgehackt, thesenhaft. Hin und wieder auch Gedanken zu bestimmten Filmthemen. Auch mit Texten über Bücher und Spiele ist zu rechnen, hin und wieder vielleicht auf Englisch. Die alte Seite mit dem alten Layout und allen Texten von Björn, Micha und mir sind unter http://lugula.org/cms/ zu finden. Wer in Luguladingen auf dem Laufenden bleiben will, kann die Seite über den RSS-Feed abonnieren, @lugulareturns folgen oder weiter die Facebook-Seite liken, die aber bald geschlossen wird. Der erste Text dreht sich um Lost River von Ryan Gosling.